Buchrezension: „How not to die“ – Dr. Michael Greger

„Warum habe ich darüber nichts während meines Medizinstudiums gelernt? Weil sich mit dem Verschreiben von Pflanzen nicht so viel Geld wie mit dem Verschreiben von Pillen verdienen lässt.“

Was? Ihn hat es jetzt auch erwischt? Einen Schlaganfall – und das in dem Alter? — Die Mutter von XY ist inzwischen auch dement. Sie können sie nicht mehr allein lassen. — Einfach so umgefallen. Von heute auf morgen. Herzinfarkt mit 43. Hinterlässt eine Frau und zwei kleine Kinder. — Betroffenheit. Die Medizin schreitet voran und doch weckt es den Eindruck, als ob die Zahl der Menschen, die von Zivilisationskrankheiten heimgesucht wird, immer mehr in die Höhe schießt. Und ja, genau das tut sie. Es mag erschreckend sein, verfolgen wir doch alle das Ziel, ein möglichst langes gesundes Leben zu führen. Doch wie erschreckend klingt es, wenn jemand sagt „Die meisten sind doch selbst daran schuld“? Denn offenbar haben wir es großteils selbst in der Hand. Das macht Dr. Michael Greger in seinem Buch „How not to die“ deutlich, das seit Ende 2016 nun auch in deutscher Sprache erhältlich ist, den amerikanischen Markt jedoch schon vor längerer Zeit erobert hat.

Entdecken Sie Nahrungsmittel, die Ihr Leben verlängern und bewiesenermaßen Krankheiten vorbeugen und heilen – so lautet der Untertitel des Sachbuches, das im Narayana Verlag erschienen ist. Auf mehreren hundert Seiten begibt sich Dr. Michael Greger, Mediziner und Ernährungswissenschaftler, mit seinen Lesern auf eine wilde Entdeckungsreise vorbei an Krankheiten wie Alzheimer, Darmkrebs, Gallensteinen und Diabetes, hin zu Lebensmitteln wie Kurkuma, Kohl, Walnüssen und Heidelbeeren. Der US-Amerikaner klärt nämlich da auf, wo der Durchschnittsbürger bis dato die Zusammenhänge nicht sehen konnte oder wollte: die Zusammenhänge unserer Ernährungsweise auf unseren Körper, auf unsere Gesundheit.

Buchrezension "How not to die"
„How not to die“ zeigt auf, welche Lebensmittel Zivilisationskrankheiten begünstigen und welche sie bekämpfen.

„Die meisten Arztbesuche sind wegen Krankheiten nötig, die durch unsere Lebensweise entstehen. Diese Krankheiten sind vermeidbar.“

Das Beeindruckende an diesem Buch ist, dass wir durch den Autor in die Welt der Medizin eintauchen können. Denn Greger arbeitet rein wissenschaftlich: Keine seiner Aussagen in „How not to die“ ist einfach so daher gesagt. Jede einzelne beruht auf den Ergebnissen von (Langzeit-)Studien, die kurz und informativ vorgestellt werden. Das Faktenwissen verpackt der Arzt in Worte, mit denen auch der Nicht-Mediziner etwas anfangen kann. Hinzu gibt er stets eine Prise Humor, was es sehr angenehm macht, sich durch die immense Ansammlung an neuen Informationen durchzuarbeiten.

Egal, ob es sich um Bluthochdruck handelt, der sich durch die Reduktion der Natriumaufnahme und den Verzehr von drei Portionen Vollkornprodukten am Tag senken lässt, oder um Parkinson, was durch Milchprodukte gefördert wird: Greger zeigt in „How not to die“ auf anschauliche Art, welche Stoffe, die wir täglich mit der Nahrung aufnehmen, Gift für unseren Körper sind. Die Ausrede „Das Schicksal wurde mir doch mit den Genen bereits in die Wiege gelegt“ lässt er nicht gelten. Ist zwar ein Teil unseres Lebens durch die DNA vorgeschrieben, so lässt sich mit bewusster vollwertiger Ernährung dagegensteuern – und zwar erfolgreich. „Sogar wenn beide Ihrer Eltern an einer Herzkrankheit gestorben sind, sollte es für Sie möglich sein, sich zu einem gesunden Herzen zu essen. Ihre Familiengeschichte muss nicht zu Ihrem persönlichen Schicksal werden“, weiß Greger aus eigener Erfahrung. Schließlich hatten die Ärzte seine Großmutter im Alter von 65 Jahren abgeschrieben: Herzerkrankung im Endstadium. Letztendlich wurde sie 96 Jahre alt. Ihre Rettung: der Umstieg auf eine pflanzenbasierte Ernährung.

„Auf einen langen Zeitraum gesehen sind die Entscheidungen, was wir essen und wie wir unsere Familie ernähren, solche über Leben und Tod.“

„How not to die“ ist jedoch kein klassisches Vegetarier- oder Veganerbuch. Weder wird die Massentierhaltung thematisiert noch das Schreddern von Küken. Es werden anhand wissenschaftlicher Studien lediglich Zusammenhänge erläutert, Vergleiche mit anderen (oft auch Natur-)Völkern herangezogen, die allesamt auf eines hinauslaufen: Eine pflanzenbasierte Ernährung wirkt prophylaktisch und lässt viele Zivilisationskrankheiten gar nicht erst entstehen. Wer sich pflanzlich ernährt, kann bestehende Krankheiten eindämmen, wenn nicht sogar ausheilen. Du bist, was du isst (passende Rezepte findest du im „How not to die Kochbuch„).

Doch warum verschreiben uns dann Ärzte alle möglichen Tabletten, die reich an Nebenwirkungen, schwach in ihrer Wirkung sind? Zum einen, weil sie es nicht anders wissen – das Thema Ernährung spielt im Studium der Humanmedizin nur eine kleine Nebenrolle. Zum anderen, weil sie für das Verschreiben von Medikamenten bezahlt werden und nicht für das Verabreichen von einem halben Teelöffel Kurkuma. Es ist mutig, wie Dr. Michael Greger mit seinen Kollegen hart ins Gericht geht, noch härter mit der Pharmaindustrie, die ausschließlich von unseren Krankheiten lebt und dadurch kein wirkliches Interesse hat, Erkrankungen zu heilen.

„Die Nebenwirkungen von Medikamenten, die in Krankenhäusern verabreicht werden, töten in den USA jedes Jahr schätzungsweise 106.000 Menschen. Diese Statistik allein macht die medizinische Versorgung praktisch zur Todesursache Nummer 6 in den USA.“

Sehr beeindruckend in „How not to die“ sind nicht nur die umfassenden Studien, die etwa der Wirkung des immensen Salzkonsums oder den körperlichen Folgen des Verzehrs tierischer Fette auf den Grund gehen, sondern auch, dass der Autor immer wieder Einzelschicksale aufzeigt: So ist etwa von John die Rede, der mit 55 Jahren den Kampf gegen einen aggressiven Prostatakrebs antrat. Der einzige Rat, den die Ärzte noch hatten, war die operative Entfernung der gesamten Prostata. Bevor es so weit kam, stieg John auf eine pflanzenbasierte Ernährung um. Acht Monate später ergab eine Biopsie, dass der Krebs auf ein Zehntel seiner Größe geschrumpft war. Einige Zeit später war er vollkommen verschwunden – und ist es bis heute. Anhand dieser Beispiele gibt Greger der Thematik, die sehr wissenschaftlich ist, ein Gesicht, macht sie für uns greifbarer. Und zeigt zugleich eine Alternative auf: eine pflanzenbasierte Ernährung.

„Industriell verarbeitete Fleischprodukte werden für den Tod von über achthunderttausend  Menschen pro Jahr verantwortlich gemacht. Weltweit gesehen sind das viermal mehr Menschen als die, die wegen eines illegalen Drogenkonsums sterben.“

Doch selbst wenn beim Leser die Botschaft angekommen ist, dass er durch den Verzehr von (oft zu viel) Fleisch sein eigenes Todesurteil schreibt, bleibt die Frage „Was soll ich denn dann essen?“. Dieser Frage ist der zweite Teil des Buches gewidmet. Darin geht der US-Amerikaner auf einzelne Lebensmittel ein, deren Verzehr Zivilisationskrankheiten entgegenwirkt. Diese Lebensmittel basieren auf Gregers täglichen Dutzend. Dabei geht es um eine ausgewogene, gesunde Ernährung, reich an Nährstoffen und arm an industriell verarbeiteten Produkten – alles kombiniert mit einer täglichen Portion Sport. Dieser Teil des Buches ist mehr oder weniger eine Anleitung für ein gesundes Leben und verrät dem Leser darüber hinaus noch das ein oder andere Rezept – etwa das von Hibiskus-Punsch. Zum Hintergrund: Hibiskustee landete 2010 bei einer Antioxidantienanalyse von 300 verschiedenen Getränken auf Platz 1.

Die komplette Bandbreite des Buches in einer einzigen Rezension zu beleuchten, ist nahezu unmöglich. Schließlich liefert jedes einzelne Kapitel eine solche Menge an Informationen, dass sich damit Doktorarbeiten schreiben ließen. Doch wer sich das Buch zu Gemüte führt, hat hinterher eine andere Sichtweise auf das, was auf seinem Teller liegt. Er betrachtet Krankheitsschicksale anders als zuvor. Er reflektiert mehr über das Warum und ist sich seines eigenen Seins bewusster. Darum sollte meiner Meinung nach „How not to die“ zur Pflichtlektüre an jeder weiterführenden Schule werden. Es geht darin um weit mehr als nur ein Thema auf dem Lehrplan. Vielmehr ist der Inhalt essentiell für das eigene Leben und dessen Qualität. Passend dazu ein Zitat von Dr. Kim Williams, dem Präsidenten des American College of Cardiology, das Greger am Ende seines Buches aufgreift. Auf die Frage, weshalb er sich rein pflanzlich ernähre, antwortete Williams im Jahr 2015: „Es macht mir nichts aus, dass ich sterben werde. Ich will nur nicht selbst der Grund dafür sein.“

 
  • Dr. Michael Greger mit Gene Stone,
    How not to die
  • 1. Auflage 2016
  • Verlag: Narayana Verlag
  • Hardcover: 512 Seiten
  • ISBN: 978-3-946566-12-0
  • Preis: 24,80 Euro (D)

Dr. Gregers tägliches Dutzend

Was soll man nun aber in welcher Menge für ein gesundes langes Leben täglich zu sich nehmen? Dr. Michael Greger fasst es in „Das tägliche Dutzend“ zusammen.

  1. Bohnen: 3 Portionen (1 Portion entspricht etwa 1/4 Tasse Hummus oder 1/2 Tasse gekochte Bohnen, Erbsen, Linsen,etc.)
  2. Beeren: 1 Portion (entspricht 1/2 Tasse frischer oder getrockneter Beeren)
  3. Anderes Obst: 3 Portionen (1 Portion entspricht einer mittelgroßen Frucht)
  4. Kreuzblütlergemüse: 1 Portion (entspricht 1/2 Tasse)
  5. Grünes Blattgemüse: 2 Portionen (1 Portion entspricht im rohen Zustand eine Tasse)
  6. Anderes Gemüse: 2 Portionen (1 Portion entspricht 1/2 Tasse)
  7. Leinsamen: 1 Portion
  8. Nüsse: 1 Portion (entspricht 1/4 Tasse)
  9. Gewürze: 1 Portion
  10. Vollkorn: 3 Portionen (1 Portion entspricht z.B. 1 Tasse Vollkornfrühstückscerealien, 1/2 Tasse Vollkornpasta oder einer Scheibe Vollkornbrot)
  11. Getränke: 5 Portionen (1 Portion entspricht einem Glas Wasser in einem 350 ml-Glas)
  12. Sport: 1 Portion (entspricht 90 Minuten einer moderaten, sportlichen Betätigung

Praktische Rezepte, in denen du eine Vielzahl der Nahrungsmittel aus dem Täglichen Dutzend unterbringst, hat Dr. Michael Greger im „How not to die Kochbuch“ zusammengestellt. Entdecke hier das Begleitbuch zum Bestseller.

Der Dokumentarfilm „What the Health“ setzt sich ebenfalls mit dem Zusammenhang zwischen Ernährung und Zivilisationskrankheiten auseinander. Auch Dr. Michael Greger kommt darin zu Wort. Mehr erfährst du in der Filmkritik.

Comments (4)

  • Harald G. Butzko

    Die Rezension hat mir richtig gut geholfen. Habe das Buch mittlerweile und kann voll und ganz bestätigen, dass es das wichtigste Buch ist, was ich über Ernährung gelesen habe.

    • Vanessa Schäfer

      Hallo Harald,
      es freut mich, dass dir die Rezension eine Hilfe war und dass du nicht vom Buch enttäuscht wurdest.
      „How not to die“ sollte eigentlich jeder gelesen haben, der was auf sich und seine Gesundheit hält.
      In wenigen Tagen erscheint auch das zugehörige Kochbuch mit demselben Titel. Ich bin gespannt 🙂

      Liebe Grüße
      Vanessa

  • JKK

    Werde das Buch demnächst lesen! Die Rezension aber liest sich wie eine von Greger selbst geschriebene Marketinganzeige. Wo ist die Analyse der Schwächen und Kritikpunkten? Diese Ernährungsregeln lassen für Kinder und Jugendliche existenzielle Versorgungslücken entstehen und diese können fast nur durch Pillen behoben werden.

    • Vanessa Schäfer

      Liebe/r JKK,

      danke für deinen Kommentar. Lass uns gerne darüber diskutieren, wenn du das Buch durchgearbeitet hast.

      Liebe Grüße
      Vanessa

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