What the Health

Filmrezension: „What the Health“…

… Wie Konzerne uns krank machen und warum niemand etwas dagegen unternimmt

„Deine Nahrung soll deine Medizin sein.“ (Hippokrates)

Tick-tack. 150 Millionen Menschen leiden weltweit an Diabetes. Tick-tack. 1/10 der Gesundheitskosten werden für Menschen mit Diabetes ausgegeben. Tick-tack. 70 Prozent aller Todesfälle sind Folgen von Diabetes, Arthritis, Herzerkrankungen, Demenz, Fettleibigkeit oder Krebs. Tick-tack. In den nächsten 25 Jahren wird jeder dritte Amerikaner an Diabetes erkranken. Tick-tack.

Die Uhr tickt… Woher kommen denn auf einmal all diese Krankheiten? Kip Andersen hat Angst. Kaum einer in seiner Familie ist bisher verschont geblieben. Seine Angehörigen sind Opfer von Zivilisationskrankheiten. Kip dadurch der geborene Hypochonder. Sind solche Erkrankungen nicht genetisch bedingt? So denkt der amerikanische Filmemacher und Regisseur eine ganze Weile. Doch dann kommt er dahinter und deckt nach und nach auf: „What the Health“ erscheint am 29. September 2017 auf DVD – eine Dokumentation, die nichts unter den Teppich kehrt. Der neue Dokumentarfilm von den Machern von „Cowspiracy“ zeigt auf, wie Konzerne regelrecht darauf hinarbeiten, uns krank zu machen. Aus welchem Motiv? Gier! Habgier! Geldgier! Machtgier! „What the Hell?!“, fragt man sich da zurecht – steht doch die Gesundheit der Menschen damit auf dem Spiel. „What the Health!“

Fleisch so gefährlich wie Zigaretten und Asbest?

What the Health
Kip Andersen im Gespräch mit Dr. Robert Ratner von der American Diabetes Association. Der wissenschaftliche und medizinische Leiter bricht das Interview ab, als Kip auf den Zusammenhang zwischen Diabetes und Ernährung zu sprechen kommt. Bild: polyband Medien GmbH

Der Film setzt sich intensiv mit dem Zusammenspiel zwischen Ernährung und Zivilisationskrankheiten auseinander. Unzählige Studien gibt es bereits, die einen solchen Zusammenhang belegen. In dem Sachbuch „How not to die“ hat Dr. Michael Greger bereits eine Vielzahl davon vorgestellt. Der Arzt kommt in „What the Health“ ebenfalls zu Wort, zusammen mit einer Vielzahl anderer Mediziner, Forscher und Ernährungsexperten. All diese sucht Kip Andersen auf, als er eines Tages eine unbegreifliche Feststellung macht: Die WHO gibt bekannt, dass verarbeitetes Fleisch das Darmkrebsrisiko um 18 Prozent erhöhen kann. Es fällt in dieselbe Gruppe der Karzinogene wie Zigaretten, Asbest und Plutonium. Doch auf der Webseite der American Cancer Society steht davon kein Wort. Dasselbe Spiel bei anderen Gesundheitsorganisationen. Es gib allein neun Gesundheitsstudien, in denen Harvard-Forscher belegen, dass nur eine Portion verarbeitetes Fleisch am Tag das Risiko von Diabetes um 51 Prozent erhöht. Eine Info, die Kip auf der Webseite der American Diabetes Association nirgends finden kann. Stattdessen Rezeptideen mit verarbeitetem und rotem Fleisch.

„Totes Fleisch enthält Bakterien, die Dioxine erzeugen. Wenn wir das essen, kommt es innerhalb von Minuten zu einer explosionsartigen Entzündung im System, zu einer Lähmung der Arterien.“ (Dr. Michael Greger, Mediziner und Ernährungswissenschaftler)

Rückzug folgt auf Konfrontation

Das Spannende an dem Film sind nicht nur die Vorstellungen der Studien. Viel interessanter sind die Reaktionen, die der Protagonist auslöst, indem er die einzelnen Gesundheitsorganisationen genau damit konfrontiert und die Verdacht schöpfen lassen: „Dazu können wir nichts sagen.“ „Es wird sich jemand bei Ihnen melden.“ Abgesagte Interviews von Organisationsvertretern, nachdem Kip ankündigt, über den Zusammenhang von Ernährung und Krankheit sprechen zu wollen. Abgebrochene Interviews, als er nachhakt, weshalb die mehrfach belegten Studienergebnisse von der Gesundheitsorganisation ignoriert werden. „Darüber möchte ich nicht sprechen.“

„Hier in Amerika orientiert sich die Heilkunde an der Krankheit. Unser Geschäft ist die Behandlung von kranken Menschen, nicht die Prävention.“ (Dr. Milton Mills, Arzt)

Es ist jedoch nicht nur Fleisch. Studien, die die Auswirkungen von Milchprodukten auf den menschlichen Körper analysieren. Studien, die sich mit dem Eierkonsum beschäftigen – „Ein Ei kann so ungesund sein wie fünf Zigaretten am Tag“ (Dr. Michael Klaper). Studien, die der Wirkung von Käse auf den Grund gehen. Es gibt kaum einen Bereich, den der Film auslässt. Die Experten, die zu Wort kommen, räumen mit verbreiteten Fehlannahmen auf, veranschaulichen diese bildlich. So war mir etwa nicht bekannt, dass Diabetes weder durch Kohlenhydrate noch durch Zucker verursacht wird. Wodurch dann? Durch fettreiche Ernährung, etwa durch eine typische fleisch- oder tierbasierte Ernährungsweise. Der Fokus auf zuckerhaltige Lebensmittel in Zusammenhang mit Diabetes lenkt ab von der eigentlichen Ursache. Warum? Das wird im Film ebensfalls verdeutlicht.

Alles eine Frage des Geldes

What the Health
Ernähren wir uns von dem, was uns krank macht? Auf diese Frage gibt die Dokumentation eine Vielzahl an Antworten. Bild: polyband Medien GmbH

Denn welches Interesse haben Gesundheitsorganisationen daran, Menschen Ernährungstipps nahezulegen, die die Krankheit fördern? Genau: finanzielles. Da kommt Kip im Laufe der Zeit dahinter: Sponsor der amerikanischen Diabetesgesellschaft – tippt er in Google ein und verfährt so nach und nach mit jeder Gesundheitsorganisation. Die Ergebnisse beantworten die Frage: Jede einzelne Organisation pflegt eine oder mehrere Partnerschaften mit Milch- und Fleischproduzenten, die mit der Ursache der Krankheit in Zusammenhang stehen.

„Man wird nicht die Wahrheit von Organisationen in Sachen Ernährung erfahren. Das wäre das Ende ihrer Finanzierung, das Ende ihrer Jobs. Es gäbe Klagen, eine Katastropfe und ihre Organisationen würden verschwinden.“ (Dr. Michael Klaper, amerikanischer Arzt und Autor)

Demenz verursacht durch von Cholesterin verstopfte Blutgefäße im Gehirn. Autoimmunkrankheiten, die mit dem Konsum von Milch einhergehen. Erhöhtes Krebsrisiko, vor allem in Zusammenhang mit Hormonen wie Brust-, Prostata- und Eierstockkrebs, durch den Verzehr von Milchprodukten. Die Fakten, die der Film liefert, sind erschreckend, wie auch einleuchtend. 93 Prozent der Dioxine, die wir verzehren, stecken in Fleisch- und Milchprodukten. Dioxin reichert sich in Fett an und jeder, der Fleisch und Milchprodukte isst, bekommt eine Dosis an Dioxin. Die Zivilisationskrankheiten, die die westliche Welt zunehmend befallen, sind nur zu 5 bis 10 Prozent genetisch bedingt. Ihre Hauptursache liegt auf dem Teller.

Wie ein Detektiv auf der Suche nach der Wahrheit

Obwohl es sich bei „What the Health“ um eine Doku handelt, lässt sich der Spannungsbogen nicht leugnen. Wie ein Detektiv macht sich Kip an die Aufdeckung der Zusammenhänge. Er nimmt diese jedoch nicht gleich hin, hinterfragt sie, forscht weiter, bis er eine Summe an Bestätigungen zusammen hat. Da sich der Film um fleischbasierte Nahrung dreht, ist klar, weshalb auch die Pharmaindustrie eine große Rolle einnimmt. 80 Prozent aller in den USA hergestellten Antibiotika werden an landwirtschaftliche Tierhaltungen verkauft. Mehr als 450 Medikamente bekommen die Tiere verabreicht. Warum immer mehr Menschen antibiotikaresistent sind, braucht man da nicht zu fragen.

„Wenn es eine terroristische Organisation geben würde, die 3000 Menschen jedes Jahr töten würde, würden wir durchdrehen. Mit  den Todesfällen durch antibiotikaresistente Bakterien ergibt das 20.000 pro Jahr. Also sieben 9/11th jedes Jahr.“ (Jaydee Hanson, leitender Politikanalytiker am Zentrum für Lebensmittelsicherheit)

What the Health
Die Pharmaindustrie lebt von der Fleisch- und Milchindustrie. Sie verdient nicht nur an landwirtschaftlicher Tierhaltung, sondern auch an den Krankheiten, die durch eine fleischbasierte Ernährungsweise gefördert werden. Bild: polyband Medien GmbH

Der Dokumentarfilm öffnet die Augen, zeigt das auf, was man kaum zu denken wagt. Und zugleich macht er einen traurig und hilflos. Selbst mit dem Wissen, wie Fleisch-, Milch- und Pharmaindustrie – unterstützt vom Staat – systematisch vorgehen, um ihren eigenen Zielen auf Kosten der Gesundheit näherzukommen, bleibt jedem einzelnen eigentlich nur die Möglichkeit, sein eigenes Konsum- und Ernährungsverhalten zu überdenken. Das ist ein Anfang, den auch Michael (69, Diabetiker, Herzerkrankter), Amy (51, Asthmatikerin, übergewichtig) und Jane (61, Osteoarthritis-Patientin) gewagt haben. Zu Beginn der Doku stellen sie ihr Krankheitsbild vor, zeigen die Menge an Medikamenten, die sie Tag für Tag nehmen, verspüren nur noch wenig Lebensqualität. Am Ende des Films zeigen sich die drei Erkrankten optimistisch, sind durch ihre Krankheiten weit weniger eingeschränkt, fühlen sich lebendig. So unterschiedlich ihre Krankheitsschicksale sind, so haben alle drei eins gemeinsam: Sie sind im Verlauf der Dreharbeiten auf eine vollwertige pflanzenbasierte Ernährungsweise umgestiegen. Und: Alle drei konnten bereits zwei Wochen nach der Ernährungsumstellung ihre Medikamente absetzen.

So viele Studien können nicht lügen

Natürlich lassen sich die Geschichten der dreien ebenso hinterfragen. Mit Sicherheit könnte man sich auch fragen, wer letztendlich für die Finanzierung des Filmes aufgekommen ist. Und gewiss: Wenn man sucht, wird „What the Health“ irgendwo auch Angriffsfläche bieten. Ich kann den Film dennoch jedem nur ans Herz legen, ganz gleich wie er sich ernährt. Zum einen, weil jeder wissen sollte, woher das Fleisch, der Fisch oder sonst etwas auf seinem Teller kommt und wie die Tiere gezüchtet werden. Zum anderen aber auch, weil wie schon in der Buchrezension zu „How not to die“ erwähnt: Es geht hier um Ergebnisse zahlreicher wissenschaftlicher Langzeitstudien. Einzelne davon lassen sich sicher anzweifeln. Aber so viele Studien, die es inzwischen im Zusammenhang zwischen Ernährungsweise und Zivilisationskrankheiten gibt, können nicht lügen. Und deshalb mag ich zum Schluss Dr. Michael Greger zitieren, der mir vor einigen Monaten die Augen geöffnet hat und der auch in „What the Health“ das letzte Wort hat: „Nichts schmeckt so gut wie sich gesund zu fühlen.“

What the Health
  • What the Health
  • Dokumentation
  • Regie: Kip Andersen, Keegan Kuhn
  • Executive Producer: Joaquin Phoenix
  • Spieldauer: ca. 88 Minuten
  • Produktion: First Spark Media
  • polyband Medien GmbH
  • VÖ-Datum: 29.09.2017
  • EAN: 4006448767310
  • Preis: 14,99 Euro (D)

Faktenwissen aus „What the Health“:

  • In den USA stirbt jeder Vierte an Krebs.
  • 2/3 der Erwachsenen sind heutzutage übergewichtig oder fettleibig.
  • Die meisten Kinder in den USA haben bereits im Alter von zehn Jahren verstopfte Arterien.
  • Über 17 Millionen Menschen sterben jährlich an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
  • Wenn ein Kind Diabetes bekommt, wird seine Lebensdauer um 19 Jahre verkürzt.
  • Die meisten Menschen der Erde sind laktoseintolerant (95% der Asiaten, 53% der Lateinamerikaner, 73% der Afroamerikaner, etwa 70% der Ureinwohner Amerikas).
  • Alle Proteine werden ursprünglich von Pflanzen produziert. Tierisches Protein ist recyceltes Pflanzenprotein.

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