Ready, steady, go! – So rocke ich den Rock’n’Roll Halbmarathon in Dublin

Laufen, wo andere Urlaub machen oder: vegan in Irland

Werbung – Die haben doch einen an der Klatsche! Gerade mal zwei Jahre ist es her, seit ich meinem damaligen Laufkumpanen diesen Satz an den Kopf geworfen habe. Es ging um die deutschen Teilnehmer des Ironman auf Hawaii. Unbegreiflich, wie man mehrere tausend Euro in die Hand, ein Jetlag in Kauf nimmt, Zeit und Urlaubstage opfert, um seinem Körper etwas Unnatürliches abzuverlangen, was man zeit- und kostengünstiger vor der Haustür haben kann. Und jetzt stehe ich da, die linke Wade schmerzt, mein Körper ist total dehydriert, ich friere und dennoch bin ich glücklicher, als ich es in den letzten Monaten war. Denn ich habe es getan: Ich bin beim Halbmarathon in Dublin gestartet oder anders ausgedrückt: Ich habe den Rock’n’Roll Halfmarathon in Dublin gerockt.

Das alles wäre nicht passiert, wenn mir ein Freund nicht diesen Floh ins Ohr gesetzt hätte. Meine Liebe zur Grünen Insel ist für die meisten kein Geheimnis. Irland ist das Land, für das ich Heimatgefühle hege. Im ländlichen Irland fühle ich mich mehr zu Hause als hierzulande. Jedes Mal, wenn ich das Land bereise, fühle ich mich frei und im Einklang mit mir selbst. Bin ich dann zurück in Deutschland, überkommt mich eine große Melancholie und Sehnsucht. Das ist auch der Grund, weshalb ich nicht so häufig die Insel bereise, obwohl sie nur einen Katzensprung entfernt ist. Jetzt ist da aber dieser Freund, der meine Irland-Liebe kennt und teilt und der weiß, dass ich meine sportliche Challenge für 2018 noch nicht gefunden habe. Er schickt mir den Link zur Rock’n’Roll-Halfmarathon-Serie und von da an lässt mich der Gedanke nicht mehr los. Im Gegenteil. Er festigt sich von Tag zu Tag mehr: Ich würde einen Halbmarathon in Irland laufen. Einen besseren Grund, auf die Insel zu reisen, kann es gar nicht geben (mal abgesehen von entspanntem Urlaub machen 😉 ).

Wettkampfvorbereitung bei 36 Grad… und es wird noch heißer

Halbmarathon in Dublin
Wir genießen den Sonnenuntergang am Atlantik.

Die Formalien sind – auch als Nicht-Bürger des UK – schnell erledigt. Mein Freund entscheidet sich, mich zu begleiten und den 10-Kilometer-Lauf zu bestreiten. Als Belohnung wollen wir noch zwei, drei Urlaubstage in Irland verbringen – natürlich an der Westküste. Dort, wo der Atlantik rauh, die Besiedlung dünn und der Wind stark ist.

Mit drei Trainingseinheiten die Woche bereite ich mich seit Monaten auf den Lauf vor. Bei durchweg ziemlich heißen Temperaturen eine ziemlich harte Wettkampfvorbereitung. Eine, die dem inneren Schweinehund so richtig an den Kragen geht. Trainingsplan mit Zeiträumen für Intervallläufe und Co.? Habe ich nicht. Strikter Ernährungsplan in den Wochen vor den Lauf? Nicht mit mir. Alkoholverzicht in der heißen Endphase… eine Woche muss reichen, schließlich ist es draußen heiß und der Lillet erfrischend kühl. In der Woche vor dem Lauf gilt meine Sorge aber auch gar nicht, dass ich die 21,1 Kilometer nicht schaffen würde, sondern viel mehr, dass ich gar nicht erst würde antreten können: Erkältungsanzeichen in Hals und Nase. Murphys Gesetz! Verzweifelter Besuch in der Apotheke. Anstatt mir die Teilnahme auszureden, verspricht mir die Angestellte, mich fit zu kriegen: „Das können Sie sich jetzt nicht entgehen lassen.“ Gewappnet mit hochdosiertem Zink und Angocin beginnt das Doping meines Immunsystems. Die Apothekenangestellte hat nicht zu viel versprochen…

Gegenwind, kalte Brise und alles andere als Tapering

Das Abenteuer Rock’n’Roll Halbmarathon kann beginnen. Zunächst an der Westküste. Klimaschock. Von 36 Grad in Deutschland zu erfrischenden 18 Grad in Galway. Heftig! Kaum angekommen legen wir unsere letzte kleine Laufeinheit von knapp 7 Kilometern vor dem großen Event ein. Einerseits herrlich schön so direkt entlang der Küste. Andererseits so herrlich anstrengend bei Gegenwind und einer ziemlich kalten Brise. „Vanessa, du wolltest eine Challenge, jetzt hast du eine Challenge“, sage ich zu mir. Für einen Wüstenlauf in Sahara-Deutschland wäre ich schließlich auch gewappnet gewesen.

Halbmarathon in Dublin
Andere schonen sich vor sportlichen Wettbewerben, wir machen eine Radtour entlang der Küste.

Tapering lautet normalerweise die Devise vor dem Wettkampf, sprich: Du schraubst deine Trainingsaktivitäten und sonstigen körperlichen Verausgabungen drastisch zurück, damit dein Körper fit für die Wettkampfbelastung ist. Aber wie macht man das im Urlaub? Das steht nirgends geschrieben. Mein Schatz und ich sind schließlich nicht in Galway, um die Füße hochzulegen, sondern um was von Land und Leuten zu sehen. Unser Tapering sieht daher so aus: Fahrräder mieten und einen Tag lang die Westküste hoch und wieder runter radeln. Wundschön! So schön kann Füße hochlegen gar nicht sein, ehrlich! 😉

Tags darauf geht’s mit dem Bus einmal quer durchs Land zurück nach Dublin zur Ausgabe der Startunterlagen im Trinity College. Ganz schön was los! Was für ein Feeling! Mit der Nummer 5287 würde ich an den Start gehen. Die Vorfreude steigt. Es ist jedes Mal ein bisschen wie Fieber vor einem Wettkampf. Am Anfang hast du dich völlig unter Kontrolle und dann bist du umgeben von Leuten mit dem gleichen Ziel, dem gleichen Spirit, dem gleichen Schritt und dann schießt das Fieber plötzlich in die Höhe und du kannst es kaum noch abwarten.

Keine Nudelparty, dafür gebratener Reis beim Marokkaner

Halbmarathon in Dublin
Henkersmahlzeit vor dem Halbmarathon: Viele Kohlenhydrate in Form von gebratenem Reis kommen mit Gemüse auf den Tisch.

Der Abend vor dem Start läuft ruhig. Guinness, Bulmers und Cider sind bis morgen passé. Eine Nudelparty gibt es von Seiten des Veranstalters nicht. Deshalb landen wir am Abend in einem wunderschönen authentischen marokkanischen Restaurant, wo wir unsere Henkersmahlzeit einnehmen: Für mich gibt es viele Kohlenhydrate in Form von gebratenem Reis und Gemüse. Die Pubtour mit Live-Musik wird auf morgen vertagt. Der Wecker würde uns schließlich um 6 Uhr aus dem Schlaf reißen. „Im Urlaub freiwillig um 6 aufstehen. Du hast einen an der Klatsche“, sage ich zu mir, bevor ich am Abend das Licht lösche.

Am nächsten Morgen gilt mein erster Blick dem Fenster. Wenn du noch nicht in Irland warst, musst du wissen: Dort kannst du alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben. Durch den Wind ändert sich das Wetter ständig. Und es nieselt. Sehr leicht. Aber es nieselt. Überfordert stehe ich vor meinen Laufklamotten: Langarm, T-Shirt, Top? Was nehme ich bei dem Wetter nur? Ich entscheide mich für die Zwiebel: Erst mal alles übereinander und schauen, wie sich das Wetter entwickelt. Während mein Schatz ausgiebig entspannt frühstückt (morgens um 6!!!), würge ich appetitlos eine Banane und ein (aus Deutschland importiertes) Vollkornbrot mit einem Aufstrich runter. Was muss, das muss.

Und es geht… bergauf

Bääääähm! Jetzt geht es los. Der Startschuss erklingt. Neben mir ein dänisches Pärchen, hinter mir eine Teilnehmerin aus Italien. Sogar aus der Partnerstadt unseres Wohnortes treffen wir einen Teilnehmer. Multikulti geht es hier zu, wenn auch (unschwer an der Hautfarbe zu erkennen) überwiegend Briten am Start sind. Der Lauf selbst ist angenehm. Der Regen legt eine Pause ein. Das Teilnehmerfeld zieht sich schnell auseinander, so dass man nicht ständig Slalom laufen muss. Es geht vorbei an der Guinness Brauerei, durch Industriegebiet und Wohngegend. Und es geht… bergauf. Naja, ein, zwei Anstiege sind ja oft im Streckenverlauf mit dabei, denke ich mir anfangs noch nichts Böses. Der Spaß steht im Vordergrund. An den Straßen stehen Zuschauer, Kinder haben Plakate gebastelt. „Don’t give up“ und „Don’t stop moving“ steht auf ihnen geschrieben. Immer wieder ein kleiner Motivationskick! Im Abstand von einer Meile stehen entlang der Strecke Bühnen, auf denen regionale Musiker ihr Bestes geben. Viel bekomme ich davon im Vorübergehen nicht mit, aber ich finde es toll, was die Organisatoren da auf die Beine gestellt haben.

Halbmarathon in Dublin
Gesunde Lebenseinstellung für Sportler!

Apropos Beine: Meine tun mittlerweile ziemlich weh. Inzwischen liegt der vierte Anstieg hinter mir. Wo kommen denn auf einmal all die Berge her? Bei keinem meiner Irland-Urlaube habe ich Dublin als bergig oder etwas dergleichen wahrgenommen. Ja, die Wicklow Mountains sind nicht weit entfernt. Aber doch nicht schon hier auf der Strecke! „The rocky Road to Dublin“ bekommt hier eine neue Bedeutung. Die Anstiege sind heftig. Ein Großteil der anderen Starter haben bereits den dritten Berg nur noch im Gehen bezwungen. Das würde aber noch mehr zulasten meiner Zeit gehen, hake ich inzwischen innerlich ab, meine Vorjahreszeit von meiner Teilnahme am Karlsruher Halbmarathon toppen zu können. Spielt jetzt aber auch keine Rolle. Hauptsache nicht aufgeben, auch wenn der Gedanke daran ziemlich verlockend ist.

Gedanken an veganen Burger auf der Strecke

Die Meilenangaben am Wegesrand irritieren mich. Wie war noch mal gleich der Umrechnungsfaktor? Irgendwie hatte ich im Kopf, bei Meile 12 schon im Ziel zu sein. Fehlanzeige. Ich bin ziemlich k.o. und ausgefroren. Vielleicht wäre das T-Shirt doch die bessere Wahl gewesen? Ich hoffe, ich finde heute Abend einen veganen Burger! Total irre Gedanken gehen dir durch den Kopf, wenn du dich körperlich abquälst. Im Ernst. Zu Hause kriege ich den Kopf beim Laufen frei. In Wettbewerben, bei denen im letzten Drittel allmählich Kräfte und Energie nachlassen, fängt so kurz vor dem Ziel mein Kopf an, völlig gaga zu werden. Du redest dir alles Mögliche ein, nur um dich selbst bei Laune zu halten. In meinen Augen ist die mentale Herausforderung bei einem Halbmarathon großer als die physische.

Halbmarathon in Dublin
You did it! Wir haben’s getan! Glücklich im Ziel.

Irgendwann funktioniere ich mehr oder weniger nur noch beim Halbmarathon in Dublin. Wenn ich richtig gezählt habe, war das gerade der siebte Anstieg. Und dann irgendwann finde ich meine Orientierung wieder und erkenne, worauf ich mich zu bewege: Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen liegt tatsächlich die Zielgerade, unweit des Startpunktes entfernt. Für einen Sprint reicht meine Energie kaum noch. Meine Augen konzentrieren sich nur noch auf die beiden Bodenmatten, die einer Oase in der Wüste gleichkommen. Zeitstopp! Angekommen! Überlebt! Gerockt! Die linke Wade schmerzt, mein Körper ist total dehydriert, ich friere und dennoch bin ich glücklicher, als ich es in den letzten Monaten war. Ich habe den Rock’n’Roll Halfmarathon in Dublin gerockt. Irgendeine Frau hängt mir noch eine Medaille um den Hals, in den ich gleich danach noch einen Liter Wasser kippe. Das tut gut!

Challenge gerockt!

Mein Freund ist inzwischen auch im Ziel. Auf der Bühne spielt irgendeine Rock-Band, der wir mit unserem Siegesbier in der Hand noch ein wenig lauschen. Aber hey: Dublin wartet! Die sportliche Challenge für 2018 ist abgehakt. Der Halbmarathon in Dublin erledigt. Es gibt keine neue Bestzeit. Jeder Berg hat mich eine Minute gekostet. Aber ich bin mit meinen 1:49 super zufrieden. Auf ebener Strecke hätte ich die 1:42 vom Vorjahr deutlich geknackt. Aber schließlich muss es ja auch noch Puffer nach oben geben, also nicht im Sinne von bergig nach oben 😉 Du weißt schon, was ich meine. Den Abend lassen wir mit veganem Burger (!), Guinness und Live-Musik gemütlich ausklingen. Der erste richtige Urlaubsabend – und das am Ende unserer schweißtreibenden Reise.

 

Kleine kulinarische Ergänzung:

Vegan in Irland. Geht das? Vor der Reise habe ich mir Gedanken gemacht, ob ich denn außer Kartoffeln was Veganes auf der Insel zu essen finden würde. Bei meiner letzten Irland-Reise war ich noch ein Allesesser und habe wenig auf das fleischlose Essenangebot geachtet. Um auf Nummer sicher zu gehen, habe ich tatsächlich Brot, Aufstrich, Cracker, Riegel und jede Menge Nüsse in den Backpacker-Rucksack gepackt und eingeflogen. Seit ich mich vegan ernähre, habe ich immer Angst, ich könnte außerhalb meiner eigenen vier Wände verhungern 😉

Halbmarathon in Dublin
Im „The Quay Street Kitchen“ in Galway tischen sie eine große Auswahl veganer Speisen auf. So auch diesen Falafel-Teller mit Allerlei.

Aber wie so oft habe ich mir unnötig das Hirn zerbrochen und die Hälfte meines Proviants wieder zurück nach Deutschland geflogen 😉 Wenn du nach Irland reist und dich vegan ernährst, musst du dir zumindest in den Städten absolut keine Gedanken machen. Gefühlt jedes dritte Restaurant ist auf Veganer eingestellt. Du findest vielleicht keine große Auswahl in der Speisekarte, aber du findest garantiert ein, zwei Gerichte, die als vegan deklariert sind. Warme Mahlzeiten sind absolut kein Problem. Ich hatte neben dem oben schon erwähnten gebratenen Reis im Restaurant „Marocco Gaze“ (Dublin) einen Portobello-Burger mit Süßkartoffel-Pommes im „Bóbós“ (Dublin), einen super leckeren Falafel-Teller im „The Quay Street Kitchen“ (Galway) und eine Pizza mit veganem Mozzarella im „Milano“ (Galway).

Leckere vegane Improvisation eines Irish Breakfast

Halbmarathon in Dublin
Irish breakfast vegan? Das funktioniert! Der Inhaber eines Cafés ist super motiviert, mir irgendetwas Veganes zum Frühstück zu zaubern.

Die Suche nach einem veganen Frühstück ist schon etwas kniffeliger, sofern man auf mehr als Toastbrot mit Marmelade aus ist. Was ich dir auf jeden Fall ans Herz legen kann, ist das „Café Temple“ in Galway, eine alternative Location mit einer großen veganen Auswahl. Es gibt da sogar heiße Schokolade mit Mandelmilch!!! Was mich besonders beeindruckt hat, war ein Café in Dublin. In der Nähe unserer Unterkunft gelegen, nicht ganz zentral, hatte ich wenig Hoffnung, dort auf etwas Veganes zu stoßen. Der Blick in die Frühstückskarte untermauerte das. Als ich den jungen Kellner fragte, ob sie mir das „Veggie Breakfast“ vegan umwandeln können, wirkte er etwas überfordert. Er tuschelte mit seinem Chef. Ich rechnete schon fast mit einem trockenen Toastbrot, als mir auf einmal ein Irish Breakfast aufgetischt wurde, das mich total überwältigte: gebratene Pilze mit Spinat und Tomaten, eine Art Rösti, Baked Beans und Toastbrot! Ich war im kulinarischen Himmel! Die Jungs hatten einfach improvisiert und für mich das leckerste Irish Breakfast aus dem Hut gezaubert, das es gibt. Was lernt man daraus: Eine Extrawurst zu sein, ist zwar oft anstrengend. Beim Essengehen ständig nachhaken zu müssen, kostet manchmal Nerven und Mut. Aber nur wer fragt, dem kann auch geholfen werden. Die Jungs in diesem Frühstückscafé haben das eindeutig bewiesen. Many thanks!

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