2 Jahre Veggie

Leben am Limit als Mängelexemplar

Zwei Jahre fleischlos: Meine Top Ten an Beobachtungen als Veggie

Hallelujah, wie die Zeit vergeht! Ich bin clean – und zwar seit zwei Jahren. Das habe ich dieser Tage bei einem Blick in den Kalender festgestellt. Seit ziemlich genau zwei Jahren lebe ich vegetarisch. Ja, du liest richtig: Ich lebe noch! Für viele scheint es ja unvorstellbar, ein Leben ohne Fleisch zu führen. Aber es ist möglich 🙂 Zugegeben, ich konnte es mir lange Zeit selbst nicht vorstellen. Selbst als ich mich im Juni/Juli 2015 für eine vegetarische Zeit entschied, bin ich davon ausgegangen, dass es eine Phase werden würde, die irgendwann vorbeigeht. Pustekuchen. Inzwischen kann ich es mir nicht mehr vorstellen in ein Salamibrötchen zu beißen. Den Geruch von Döner finde ich mittlerweile ziemlich widerlich. Noch widerlicher finde ich Leute, die nach Sonderangeboten an der Fleischtheke haschen.

Als mir diese Woche bewusst wurde, dass ich a) noch lebe und b) mein Zweijähriges feiere, habe ich mir ein paar Gedanken gemacht. Darüber, was sich eigentlich geändert hat. Und auch darüber, welche Beobachtungen man als Vegetarier (ungewollt) oft macht. Offenbar bin nämlich nicht nur ich ein Freund von Klischees 😉 Herausgekommen ist eine kleine Top Ten, die ich mit dir teilen will.

1. Ich esse ja Fleisch, aber…
Noch nie zuvor wurde ein Gespräch mit mir so häufig mit diesem Satz begonnen als in den vergangenen zwei Jahren. Ohne, dass ich hausieren gehe, ohne, dass ich missionieren gehe, ohne, dass ich Fragen stelle: Wenn Menschen zusammen mit mir an einem Tisch sitzen, haben sie das Gefühl, sich für ihren Fleischkonsum rechtfertigen zu müssen. „Ich esse ja Fleisch, aber nur zwei Mal die Woche.“ Ich kaufe Fleisch nicht im Supermarkt, sondern nur beim Metzger meines Vertrauens.“ „Ich esse nur Bio-Fleisch.“ Niemand muss sich mir gegenüber rechtfertigen für das, was auf seinem Teller liegt. Die Tatsache, dass die Menschen es doch tun, ist für mich ein deutliches Zeichen dafür, dass ihnen im Unterbewusstsein klar ist, dass es eigentlich nicht in Ordnung ist, Fleisch zu essen und die Massentierhaltung zu unterstützen. Und ja, über 90 Prozent des in Deutschland produzierten Fleisches stammt aus Massentierhaltung. Vermutlich also auch das vom Metzger des Vertrauens.

2. Gegessen wird zu Hause
Früher kam es häufiger vor, dass spontan jemand sagte: „Komm doch zum Essen vorbei.“ Als Vegetarier sind Essenseinladungen dagegen fast wie ein Dreier mit Zusatzzahl im Lotto. Ziehen wir Geburtstage und Feiertage ab, wurde ich in zwei Jahren vielleicht fünf Mal zum Essen eingeladen. Ich rede von Einladungen, bei denen ich mein Essen nicht selbst mitgebracht habe, sondern tatsächlich für mich gekocht wurde. Wenn ich da die Zahl derer gegenüberstelle, die in zwei Jahren bei mir am Esstisch Platz genommen haben, komme ich in der Bilanz ziemlich schlecht weg. Oft habe ich das Gefühl, dass die Leute sich nicht trauen, einen einzuladen, weil sie glauben, dass ich mich mit Pfannkuchen oder Käsespätzle oder Kaiserschmarrn nicht zufrieden geben würde. Absoluter Quatsch.

3. Restaurantbesuche sind gar nicht so geil
Für viele ist der Besuch in einem Restaurant ja das Non-Plus-Ultra. Als Vegetarier versetzt einen das eher ein bisschen in Stress. Warum? Weil die Gastronomie irgendwie die letzten Jahre verpennt hat. Es gibt entweder vegane/vegetarische Szene-Läden, um die meine fleischessenden Freunde einen Bogen machen, oder normale Restaurants mit vielleicht drei vegetarischen Speisen auf der Karte. Eins davon ist übrigens meistens Risotto 😉 Damit muss man sich als Vegetarier einfach arrangieren. Gelüste darf man nicht haben, sondern muss eben das essen, was es gibt. Ich gestehe: Wenn ich weiß, dass ein Restaurantbesuch ansteht, checke ich inzwischen häufig im Vorfeld die Speisekarte, um zu gucken, ob es sich lohnt, vorher zu Hause schon was zu essen.

4. Hilfe, mein Küchenschrank ist zu klein!
Anders sieht es dagegen in der Küche zu Hause aus: Wo Gastronomieküchen an vegetarischer Vielfalt versagen, könnte ich von der Größe her durchaus eine Gastronomieküche vertragen. Meine Arbeitsfläche bietet oft nicht ausreichend Platz. Und bei einem Blick in meinen Küchenschrank würdest du tatsächlich merken, dass ich nicht ganz so ordentlich bin, wie der Rest meiner Wohnung vermitteln mag. Meine Küchenschränke sind einfach zu klein. Quinoa, drei Sorten Reis, Amaranth, Couscous, Bulgur, Buchweizen, Nudeln, fünf Sorten Linsen, drei Sorten Bohnen, Kerne, Saaten, Gewürze… wohin nur mit dem ganzen Zeug? Die vegetarische Küche bietet so viel mehr Vielfalt, dass man die Sachen kaum unterkriegt. Im Küchenschrank wird also gestapelt – es lebe das Chaos!

5. Keine Leistung ohne tierisches Protein?!
Als ich auf fleischlose Ernährung umgestiegen bin, habe ich mich anfangs mit dem Sport zurückgehalten. Ich hatte tatsächlich Angst, ich könnte aus den Latschen kippen, wenn ich kein tierisches Protein zu mir nehme. Das sagen ja die Leute immer und ich habe es irgendwie auch für möglich gehalten. Bis ich dann das Risiko eingegangen bin. Resultat: Ich bin inzwischen deutlich leistungsfähiger und fitter als ich es jemals zu meinen Fleischeszeiten war. Beim Ausdauersport war mir kein einziges Mal schwarz vor Augen. 10 Kilometer schaffe ich in 52 Minuten. Ich komme mit wenig Schlaf aus. Und erschöpft fühle ich mich selten. Viel mehr habe ich ein Problem damit, ruhig auf meinem Hintern hocken zu bleiben, in dem offenbar Hummeln stecken. Wie ist das nur möglich ohne tierisches Protein?

6. Darm mit Charme
Nein, das gleichnamige Buch habe ich nicht gelesen, aber viel davon gehört. Die menschliche Verdauung ist irgendwie ein Wunder. Und das Schöne: Sie ist kein Tabuthema mehr, sondern entwickelt sich immer mehr zu etwas Natürlichem. Dadurch weiß ich, dass sehr viele Leute in meinem Bekanntenkreis Verdauungsprobleme haben. Von Ärzten meistens als Reizdarm-Syndrom abgestempelt. Die Symptome schwanken zwischen Durchfall und Verstopfung. Bei mir haben Ärzte auch mal ein Reizdarm-Syndrom diagnostiziert. Ich kenne mich mit zähen geleeartigen Drinks, um die Verdauung anzuregen, bestens aus. Flohsamen, Artischockenkapseln und was weiß Gott habe ich schon in mich reingestopft. Ohne Resultate. Mein Reizdarm-Syndrom hat sich vor ziemlich genau zwei Jahren in Luft aufgelöst. Wie? Ganz einfach, indem ich meinem Darm kein Fleisch mehr zumute. Er weiß es zu schätzen.

7. Vorsicht, gefährliches Unwissen!
Es gibt Themen, von denen jeder glaubt, Ahnung zu haben. Fußball im Fernsehen – alle Zuschauer haben auf einmal mehr Ahnung von Spiel und Technik als die Trainer. Flüchtlingswelle – ganz Deutschland redet mit und glaubt mehr Ahnung zu haben als jeder Flüchtlingsexperte. So ist das auch mit Vegetarismus. Die mit der größten Klappe sind leider die, die sich nie mit dem Gedanken auseinandergesetzt haben, wo ihr Fleisch auf dem Teller herkommt, welche Auswirkungen ihr Fleischkonsum auf die Umwelt und die Dritte Welt hat, geschweige denn davon, wie er ihre Gesundheit beeinflusst. Hunde, die bellen, beißen nicht, heißt es zwar. Aber bellende Hunde nerven. Genauso wie ihr Gebell „Wie kann man Wurst ohne Fleisch nur Wurst nennen?“ und „Glaubst du, dass es irgendetwas ändert, wenn du kein Fleisch isst?“ oder Speisekarten, in denen bei den vegetarischen Gerichten Fisch aufgelistet wird. Nein, Vegetarier sind keine Pescetarier.

8. Mängelexemplar
So fühle ich mich manchmal. Wenn man sich als Vegetarier outet, hat das Umfeld automatisch gleich Ernährungswissenschaften und Medizin studiert. Ohne meine Blutwerte zu kennen, wissen Bekannte offenbar genau, was mir fehlt. Laut ihnen habe ich einen Proteinmangel, einen Calciummangel, einen Eisenmangel, einen Kaliummangel, … mir mangelt es offenbar an allem, woran es einem nur mangeln kann. Und ich fühle mich super dabei. Meine Blutwerte sind top, mein Wohlbefinden ist top, aber das darf offenbar nicht so sein, wenn man kein Fleisch isst. Irgendwo muss doch ein Mangel stecken, oder? Und ja, den gibt es: Mir mangelt es an Verständnis für solche Pseudomediziner.

9. Da stimmt doch was nicht!
In der Gesellschaft wird es toleriert, Alkohol und Drogen zu missbrauchen. Es wird toleriert, dass Steuern hinterzogen werden. Es wird toleriert, dass personenbezogene Daten verkauft werden und wir inzwischen gläserner sind als mein Küchenfenster. Aber wenn jemand kein Fleisch isst, dann fehlt es vielen an Toleranz. „Mit der stimmt doch was nicht!“ ist ein Gefühl, dass mir häufig vermittelt wird. Vegetarier zu sein ist für viele Menschen anscheinend schlimmer als eine ansteckende Krankheit zu haben. Müde belächelt zu werden, daran musste ich mich in zwei Jahren gewöhnen. Auch daran, dass mich manche Leute aufgrund meiner Ernährungsweise nicht ernst nehmen. Aber das ist okay, denn schließlich gibt es noch den letzten Punkt in meiner Top Ten:

10. Du bist nicht allein
So ist es nämlich. Bei all dem Stuss, den man sich als Veggie oft anhören muss, weiß man, dass es da draußen ganz viele andere gibt, die die eigene Sichtweise teilen. Ich habe in den letzten zwei Jahren einige Vegetarier und Veganer kennengelernt und ich fühle mich geehrt, dass ich einige Fleischesser inspirieren und zum Nachdenken bewegen konnte. Gerade gestern habe ich etwas erlebt, was mich sehr gerührt hat: „Der Besuch bei dir hat mir den letzten Anstoß gegeben, den es gebraucht hat: Ich bin jetzt auch Vegetarier“, hat ein Bekannter zu mir gesagt. Ich erinnerte mich, dass wir damals über Ernährung gesprochen haben und er sehr interessiert war. Aber damit hatte ich nicht gerechnet. In solchen Momenten bin ich einfach nur dankbar. Dankbar, dass in vielen Köpfen doch ein Umdenken möglich ist. Und dankbar dafür, dass die Zahl der Vegetarier und Veganer wächst und wächst und wächst – auf pflanzlicher Basis 😉

Was sind deine Beobachtungen als Vegetarier? Lass mir gern einen Kommentar da. Fleischesser dürfen natürlich auch gern kommentieren 🙂

Comments (2)

  • Volker

    Sehr zutreffend und als Veganer noch extremer erlebend

  • Markus

    Meinen herzlichsten Glückwunsch zum „Zweiten“ sin carne, Vanni! Hab die Kurve noch nicht gekriegt und werde sie auch nicht kriegen (wollen), obwohl ich viellleicht sogar ohne Fleisch leben könnte (dafür aber umso mehr Fisch essen würde). Naja, hat viel mit Selbstdisziplin zu tun…aber wer weiß, vielleicht kann ich ja wenigstens mal eine vegetarische Woche einlegen. Glückwunsch nochmal, Daumen nach oben und weiterhin berauschende Glücksmomente ganz ohne totes Tier :-)!

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