Die Frage nach dem Warum…

…oder: Wie ich Vegetarier wurde

Manche Dinge muss man nicht erklären. Andere dagegen schon. Seit ich denken kann, begleitet mich immer wieder eine Frage. Warum? Warum?? Warum?! Es gab Zeiten, da hatte ich das Gefühl mich dauernd erklären zu müssen – für Dinge, die in meinen Augen absolut normal waren. Und auch jetzt gibt es Fragen, die in regelmäßigen Abständen an mich gerichtet werden. „Warum trinkst du keinen Kaffee?“ – das ist eine davon. „Warum hast du kein Smartphone?“ – ist eine andere. Die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. „Warum hast du keinen Fernseher?“, „Warum kaufst du dir nicht mal einen neuen Mantel?“ Auf all die Fragen gilt die Kurzantwort: „Weil ich es nicht brauche.“ Natürlich könnte ich auch erkären, dass mir Kaffee nicht schmeckt. Oder dass ich in Smartphones einen enormen Zeit- und Freiheitsverlust sehe. Dass ich gerne selbst entscheide, wofür ich mich interessiere und mir das nicht vom Fernsehen vorschreiben lasse. Und dass dieser 20 Jahre alte Mantel ideellen Wert für mich hat. Aber oftmals sehe ich keinen Anlass mich zu rechtfertigen. Ein bisschen anders verhält es sich mit der Frage „Warum bist du Vegetarier?“ Ein einfaches „Weil ich es nicht brauche“ funktioniert hier nicht. Deshalb will ich dir diese Frage heute mal ein bisschen genauer beantworten.

Schleichender Prozess

Vegetarier
Freunde, kein Essen: im Stall eines hiesigen Landwirts. Bild: Doro Lenhardt

Zugegeben, es ist nicht so lange her, als ich mir noch regelmäßig in der Mittagspause ein Fleischkäsbrötchen gekauft habe. Wurstsalat zum Abendessen?! Da bin ich dabei. Gyrospfanne mit Reis. Lecker. Ja, ich habe bis Juli 2015 normal, wenn nicht sogar fleischreich gegessen. Und nein, ich konnte da auch nichts Verwerfliches dran finden. Natürlich hat man schon mal davon gehört, dass unser Fleisch zu über 90 Prozent aus der Massentierhaltung stammt. Methan und Klimawandel – auch da ist irgendwas im Hinterkopf. In der Schule habe ich sogar gelernt, dass eine Legehenne ein Dasein auf einer Fläche von nicht mal einem Din A4-Papier fristet. Aber wie das eben so ist: Man hat dieses Halbwissen, das von Tag zu Tag immer mehr in den Hinterkopf rückt. Man will sich nicht damit befassen, weil man im Unterbewusstsein schon weiß, dass es für einen unbequem werden würde. Denn wer die Zusammenhänge unseres Fleischkonsums einmal verinnerlicht hat, der kann nicht guten Gewissens einfach so weitermachen. Der weiß, dass er etwas ändern muss. Und das ist unbequem.

Bei mir war das ähnlich, bis ich irgendwann angefangen habe, mich mit gewissen Dingen auseinanderzusetzen. Ich wurde nicht von heute auf morgen Vegetarier. Es war ein Prozess – mehr oder weniger ein Lernprozess, zunächst sehr schleichend, später mit ziemlich radikaler Wendung. Warum ich kein Fleisch mehr esse, kann ich nicht nur mit einem Grund beantworten. Es gibt drei Faktoren, die mehr oder weniger ineinander spielen.

1. Gesundheit

Unsere Ernährungsweise prägt unsere Gesundheit – sogar noch stärker als das die Gene tun. Bis vor ein paar Jahren wäre ich allerdings nie auf die Idee gekommen, zu hinterfragen, ob sich die Bratwurst auf dem Grill, das Haschee auf dem Teller oder der Flammkuchen im Backofen negativ auf meine Gesundheit auswirken. Die Veränderung in meinem Denken kam mit einem Schicksalsschlag in meiner Familie: Im Sommer 2013 wurde bei meinem Vater Darmkrebs diagnostiziert. Es war derselbe Sommer, in dem eine Nachricht durch sämtliche Medien ging: Rotes Fleisch erhöht das Krebsrisiko. Diese beiden Informationen habe ich für mich als Summe verarbeitet.

Meine Oma hatte schon immer Darmprobleme – ich vermute, dass auch sie Krebs hatte. Meine Großmutter gehört der Generation an, in der man über sowas nicht redet. Der Krebs meines Vaters jedoch wurde für mich anschaulich. Ich konnte davor die Augen nicht verschließen und ich musste mir früher oder später die Frage stellen, ob auch bei mir ein genetisch veranlagtes Risiko besteht, an Darmkrebs zu erkranken. Dass Fleisch dieses Risiko weiter fördert, das habe ich immer mehr begriffen, je intensiver ich mich mit dem Thema befasst habe. Wer schon einmal erlebt hat, wie Krebs einen Menschen verändert, wer schon einmal an der Seite von jemandem war, der sich durch eine Chemotherapie quält, der lernt eines sehr schnell: Zu einem solchen Schicksal will man nicht aktiv beitragen. Wenn man durch eine Ernährungsweise seine Gesundheit verbessern und einer Verändung der Zellen entgegensteuern kann, dann sollte man diese wählen.

2. Klimawandel

Wenn von Klimawandel die Rede ist, drehen sich Diskussionen überwiegend um Politiker, die viel mit dem Flugzeug reisen, um unsere Autofahrten, um den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft. Dabei müsste sich eigentlich die Diskussion auf die Massentierhaltung fokussieren. Der Klimawandel lässt sich nicht eindämmen, wenn wir nicht unser eigenes Essverhalten und die damit einhergehende Massentierhaltung hinterfragen. Über 18 Prozent aller Treibhausgase gehen auf das Konto der Massentierhaltung – mehr als der gesamte Verkehr verursacht. 37 Prozent des Methanausstoßes gehen zurück auf – rate mal! Genau: die Massentierhaltung. Methan ist für die Erdatmosphäre 70 Mal schädigender als Kohlendioxid. Hinzu kommt, dass aufgrund der Massentierhaltung jede Menge Regenwaldflächen gerodet werden – Regenwald, der so wichtig ist, um der Atmosphäre CO2 zu entziehen. Jede Sekunde werden weltweit Regenwaldflächen vernichtet, die der Größe eines halben Fußballfeldes entsprechen. Und warum? Zu einem Großteil, um dort genmanipuliertes Soja anzubauen, um unsere Tiere in der Massentierhaltung damit zu füttern – und unseren Fleischhunger zu stillen. Wer sich also über heiße Sommer beschwert, über schmelzende Gletscher jammert und über das Artensterben an den Polen, sollte zunächst mal einen Blick auf seinen Teller werfen.

3. Tierleid

Vegetarier
Akzeptiert von einer Schafsherde. Die Killersheep in Irland haben mich schnell als ihren Schäfer anerkannt – vielleicht liegt es am Namen 😉

Als Kind wollte ich immer auf einem Bauernhof leben. Dem Gedanken kann ich immer noch einiges abgewinnen. Ich liebe Tiere, bin mit Tieren vielleicht nicht groß, aber erwachsen geworden und träume davon, in ein paar Jahren in einem kleinen Cottage an der Westküste von Irland zu leben, ein Rudel Hunde, eine handvoll Katzen um mich herum – und vielleicht sogar eine Herde Schafe im Garten. Tiere sind eine Bereicherung. Stundenlang könnte ich meine beiden Katzen beobachten und immer wieder von ihnen lernen. Tiere haben etwas, was dem Menschen im Laufe der Evolution immer mehr abhanden gekommen ist: Sie beherrschen die Kunst, sich an den kleinen Dingen der Welt zu erfreuen, und sie haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Es ist jedoch nicht nur so, dass ich mich von Tieren angezogen fühle (weit mehr als von Menschen), umgekehrt scheint es genauso zu sein. Manchmal glaube ich, Tiere können spüren, dass von mir keine Gefahr für sie ausgeht. Sie fassen schnell Vertrauen zu mir, gehen auf mich zu. Und jedes Mal, wenn ich früh morgens joggen gehe, im Wald ein Reh sehe, das sich durch mich nicht gestört fühlt, sondern einfach weiter verharrt, bekomme ich eine Gänsehaut.

Heute scheint es mir unbegreiflich, wie ich fast drei Jahrzehnte lang Tiere essen konnte, ohne mir über deren Schicksal Gedanken zu machen. Wie konnte ich einen Unterschied machen zwischen unserem Hund, den ich nie gegessen hätte, und dem Lamm, das zu Döner verarbeitet wurde? Wieso habe ich mit Meerschweinchen gespielt, während ich andere Schweinchen gegessen habe? Ich weiß es nicht. Kein Lebewesen sollte nur aus dem Grund geboren werden, als Nahrung zu dienen. Aber genau das tun sie. Über 778 Millionen Tiere leben und sterben allein in Deutschland jährlich als Nutztier in der Massentierhaltung – Aquakulturen nicht miteingerechnet. Das in diesen Betrieben keinerlei artgerechtes Leben möglich ist, wissen wir alle. Tiere werden dort als Ware behandelt. Schweinen werden die Schwänze kupiert, damit sie sich untereinander vor lauter Langeweile nicht daran rumknabbern, Puten werden die Schnäbel gekürzt, Rindern die Hörner abgetrennt – meist alles ohne Betäubung. Die meisten Nutztiere sehen – außer auf dem Weg zum Schlachter – ein Leben lang kein Tageslicht. Die Bewegungsfreiheit reicht bei vielen nicht einmal aus, um sich selbst im Kreis zu drehen. Von den hygienischen Zuständen ganz zu schweigen. Es gibt US-Studien, die zeigen, dass die meisten Haushalte in den USA, in denen viel Hühnchen verzehrt wird, mehr Fäkalbakterien in der Küche haben als auf der Klobrille.

Damit die Tiere trotz der unpassenden Haltung leistungsfähig bleiben, bekommen sie präventiv Antibiotika ins Futter gemischt, weshalb viele Menschen heutzutage auf Antibiotika nicht mehr ansprechen. Die einzige Daseinsberechtigung der Nutztiere besteht darin, zu fressen, um innerhalb kürzester Zeit ein Vielfaches des Körpergewichts zu erlangen, das sie sich in freier Wildbahn anfuttern würden. Da der Körper jedoch normal weiter wächst, die Knochen sich normal entwickeln, sind sie nicht dafür gemacht, diese Massen an Gewicht in diesem frühen Stadium zu tragen – viele Tiere können sich daher nicht mehr auf den Beinen halten. Tiere in Massentierhaltung erreichen kaum ein Sechstel ihrer natürlichen Lebenserwartung. Und wer sein gutes Gewissen beruhigen will mit „Ich kaufe mein Fleisch beim Metzger meines Vertrauens“ macht sich selbst was vor: 98 Prozent des Fleischs stammen aus Massentierhaltung – also höchst wahrscheinlich auch das vom Metzger des Vertrauens und das vom guten Restaurant um die Ecke.

Zurück zum Ausgangspunkt

Vegetarier
Der Augenöffner: ein Pekingentenküken. Es war Liebe auf den ersten Blick. Bild: Doro Lenhardt

Ich merke schon, der Beitrag ufert aus. Doch zu jedem der drei Faktoren lassen sich inzwischen Doktorarbeiten verfassen. Hat mich das Thema Gesundheit anfangs dazu gebracht, über Fleischkonsum nachzudenken, hat die Klimaerwärmung dazu beigetragen, die Ursachen zu hinterfragen, so war es am Ende ein Küken, das mir die Augen geöffnet hat. Es saß nicht in einer Massenzuchtanlage, sondern auf meiner Hand – bei einem dienstlichen Besuch bei einem Kleintierzuchtverein. Dort habe ich übrigens auch zum ersten Mal gesehen, wie eigentlich eine Pekingente aussieht – also fernab des Tellers beim Asiaten. Meine Vorstellung hat sich mit der Realität nicht gedeckt. Nie im Leben habe ich an eine weiße, fluffige und kindlich dreinblickende Ente gedacht, wenn ich Pekingente gegessen habe. Dass die Lebensdauer des Pekingentenkükens auf meiner Hand bereits mit dessen Geburt bestimmt war, hat in meinem Kopf irgendeinen Schalter umgelegt. „Wie kann sich der Mensch nur das Recht rausnehmen, über Leben und Tod dieses Tieres zu entscheiden?“

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf schaffte ich mir das Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer an. Ein Buch, das das Thema Massentierhaltung und Fleischkonsum äußerst unemotional beleuchtet – nämlich rein auf Faktenbasis. Viele nackten Zahlen, viele immensen Zahlen. Nachdem ich ein Drittel des Buches gelesen hatte, stellte sich mein Fleischkonsum automatisch ein – bis heute. Es folgten noch eine handvoll Dokumentationen mit Bildern aus Massentierhaltungsbetrieben, die die Fakten des Buches 1:1 widerspiegelten. Und damit war mehr oder weniger mein Weg zum Vegetarismus eingeschlagen – auch wenn ich mich das erste halbe Jahr nicht als Vegetarier bezeichnete, sondern einfach nur meinte: „Ich esse aktuell kein Fleisch“. Ich war mir damals selbst nicht sicher, ob ich es durchziehen könnte. Das Ganze liegt inzwischen fast zwei Jahre zurück, zwei Jahre, in denen sich meine Ernährungsweise noch weiter verändert hat. Inzwischen ernähre ich mich zu 75 Prozent vegan – aber das ist ein separates Thema.

Wenn es dich interessiert, wieso ich inzwischen weitgehend auf tierische Milchprodukte und Eier verzichte, oder wenn du wissen willst, zu welchen körperlichen und gesundheitlichen Veränderungen meine fleischfreie Ernährung beigetragen hat, dann lasse mir einfach einen Kommentar da.

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