Vegane Ernährung bei Hund und Katz

Hilfe! Is(s)t mein Kater etwa vegan?

Im Interview: Veterinärin Janine Starzonek spricht über vegane Ernährung bei Hund und Katz

ZACK! Schon hat Silvester seine Pfote in meinem Teller. So schnell kann ich manchmal gar nicht schauen, wie er versucht, etwas von meinem Teller zu stibitzen. Und das, obwohl sein Futternapf prall gefüllt ist. Von wegen Fleischfresser – mein Kater ist verfressener als Garfield. Am liebsten isst er aber nicht das Fleisch in seinem Näpfchen, sondern das, was Frauchen auf dem Teller hat. Da ist er dann auch gar nicht so wählerisch. Alles scheint besser zu sein als das Geflügel, Hühnchen oder Rind, das für ihn bestimmt ist. Is(s)t mein Kater etwa vegan? Würdest du ihn nach seinen liebsten Speisen fragen, würde er sicher Mais, Salatgurke, Wassermelone und Aubergine antworten – ja, selbst Aubergine liebt Silvester über alles. Gefüttert bekommt er das Gemüse und Obst nicht. Es ist mehr oder weniger seine Beute, wenn er sich mal wieder auf Mundraubzug begibt. Bei meiner Kätzin Luna ist das anders. Die beiden sind etwa gleich alt, leben gleich lange bei mir und wurden immer gleich ernährt. Dennoch macht Luna um Gemüse einen Bogen und rümpft die Nase. Mäuse und Vögel jagt sie zwar mit ihren 13 Jahren kaum noch, aber in ihr Näpfchen muss vor allem eins: Fleisch, Fleisch, Fleisch.

Vegane Ernährung bei Hund und Katz
Luna jagt zwar keine Mäuse mehr, ist jedoch bekennende Fleischfresserin. Um Gemüse macht sie einen Bogen.

Viele Veganer setzen jedoch aus ethischen Gründen auf eine vegane Fütterung ihres Hundes oder ihrer Katze. Ist das möglich? Um diese Frage zu beantworten, habe ich mir Unterstützung von einer Expertin geholt: Veterinärin Janine Starzonek. Sie hat kurz nach ihrem Tiermedizin-Studium angefangen im Institut für Tierernährung, Ernährungsschäden und Diätetik der Universität Leipzig zu arbeiten. Dort ist sie aktuell als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Im Interview verrät sie, wann eine pflanzliche Ernährung bei Haustieren möglich und worauf besonders zu achten ist.

Frau Starzonek, selbst in Veganer-Kreisen ist das Thema „Vegane Ernährung bei Hund und Katz“ umstritten. Es wird auf den Stammbaum der Tiere verwiesen. Heutzutage haben jedoch Stubentiger nur noch wenig mit Raubkatzen und die meisten Hunde nur noch wenig mit dem Wolf zu tun. Inwieweit ist eine vegane Ernährung im Hinblick darauf also artgerecht oder nicht?
Janine Starzonek: Zu großen Teilen stimmen die verdauungsphysiologischen Vorgänge bei Hund und Katze doch noch mit den Vorfahren überein. Aus ernährungsphysiologischer Sicht sind Hunde deshalb carni-omnivor und Katzen strikt carnivor. Eine nutritiv adäquate Ration sollte vor allem bedarfsgerecht sein, also den Energiebedarf sowie die Zufuhr an tierartspezifischen essentiellen Nährstoffen abdecken. Die bedarfsdeckende Zufuhr an Energie und essentiellen Nährstoffen in Abhängigkeit der Lebensstadien und -situationen (z.B. Erhaltung, Trächtigkeit, Laktation, Wachstum, körperliche Belastung, etc.) ist aber per se nicht durch die Zufuhr bestimmter Futtermittel wie z.B. Muskelfleisch einer bestimmten Tierart definiert. Ob nun eine bedarfsgerechte Ration auch automatisch tierartgerecht ist, bleibt fraglich, da Hund und Katze die ethisch-moralischen Bedenken des Tierhalters gegenüber der Fütterung von Produkten tierischer Herkunft unter Umständen nicht uneingeschränkt teilen.

Vegane Ernährung bei Hund und Katz
Martina van Rij füttert ihre Hunde Joy-Joy, Lucy, Mel und Frodo (v.l.) vegan – ohne Probleme. Bild: Martina van Rij

Katzen gelten im Gegensatz zu Hunden als reine Carnivore. Inwiefern ist der Körper der Katze auf tierische Ernährung ausgelegt? Welche Probleme können bei pflanzlicher Ernährung entstehen?
Janine Starzonek: Für die strikt carnivore Katze müssen bei rein pflanzlichen Rationen vielfach Nährstoffe in synthetischer Form ergänzt werden, um den Bedarf ausreichend abdecken zu können. Besonderes Augenmerk muss auf die Versorgung mit essentiellen Fettsäuren (Taurin), Vitamin A und D gelegt werden, da die Deckung des Bedarfes über eine rein pflanzliche Ration nicht gegeben ist. Auch die Mineralstoffversorgung kann vielfach nicht adäquat über ausschließlich pflanzliche Futtermittel abgedeckt werden. Hier müsste auf entsprechende mineralische Einzelfuttermittel (z.B. Futterkalk) und Zusatzstoffe (z.B. Spurenelementverbindungen) zurückgegriffen werden. Bei rein pflanzlicher Proteinzufuhr ist auch zu beachten, dass die Verdaulichkeit des Proteins aufgrund schwerverdaulicher Kohlenhydrate geringer sein kann als bei tierischen Produkten. Des Weiteren müssen sogenannte anti-nutritive Faktoren in Pflanzen beachtet werden, die die Verdaulichkeit (z.B. Trypsininhibitoren) oder aber auch die Schmackhaftigkeit (z.B. Bitterstoffe) nachteilig beeinflussen können.

Können Hunde und Katzen pflanzliche und kohlenhydratreiche Nahrung verwerten?
Janine Starzonek: Hunde weisen eine gut ausgeprägte enzymatische Stärkeverdauung auf, was z.B. den Einsatz von Getreide oder Kartoffeln selbst in hohen Mengen erlaubt. Katzen zeigen hingegen nur ein sehr geringes Vermögen Stärke enzymatisch zu verdauen. Zudem weisen Katzen eine geringe Glucosetoleranz auf, was eine weitere Limitierung in Bezug auf die Zufuhr an Zucker und Stärke bedeutet.

Vegane Ernährung bei Hund und Katz: Auf welche Nährstoffe muss dabei besonders geachtet werden? Warum gerade diese?
Janine Starzonek: Bei pflanzlichen Rationen sollte besonders auf die ausreichende Versorgung mit Aminosäuren, essentiellen Fettsäuren und Vitaminen geachtet werden, da diese vielfach nicht ausreichend in den Futtermitteln enthalten sind (z.B. das B-Vitamin Cobalamin und die Aminosulfonsäure Taurin bei der Katze), oder die Tiere nicht in der Lage sind diese ausreichend selber zu synthetisieren. Für die Deckung des Bedarfes an Cobalamin wird in vielen Fällen Bierhefe supplementiert. Inwieweit das Cobalamin daraus tatsächlich bioverfügbar ist, kann momentan aufgrund fehlender Daten nicht ausreichend abgeschätzt werden.

Vegane Ernährung bei Hund und Katz
Mel, die Hündin von Robin Kählert, nagt lieber Karotten als Knochen. Bild: Robin Kählert

Viele Haustiere haben Allergien, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder andere Erkrankungen. Inwieweit kann hier eine vegane Ernährung sinnvoll und hilfreich sein?
Janine Starzonek: Allergien und Unverträglichkeiten entstehen häufig im Zusammenhang mit tierischem Protein, es können allerdings auch pflanzliche Futtermittel als auslösende Ursache in Frage kommen. Liegt eine Futtermittelallergie für tierische Proteine vor, so sollte das Allergen z.B. aus der Ration entfernt und mit einer alternativen adäquaten Proteinquelle ersetzt werden. Diese kann prinzipiell auch pflanzlichen Ursprungs sein. Zu beachten ist der Umstand, dass Hunde, die auf diverse Proteinquellen mit einer Allergie reagieren, oft nach einer gewissen Zeit auch eine Unverträglichkeit auf eigentlich gut verträgliche, „neue“ Proteinquellen entwickeln. Das Füttern einer rein pflanzlichen Ration ist bei einer Allergie nicht zwingend notwendig, da ebenso eine hydrolysierte tierische Eiweißquelle verwendet werden kann. Bei bestimmten Erkrankungen, wie dem kongenitalen portosystemischen Shunt und dem daraus resultierenden hepatoenzephalen Syndrom, hat sich durchaus eine vegetarische Ration basierend auf Sojaproteinisolaten und Milchprodukten bewährt.

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie bei veganem Futter für Hund und Katz?
Janine Starzonek: Die Vorteile einer veganen Ernährung umfassen z.B. die Gründe, aus denen sich die Tierbesitzer selber für eine vegane Ernährung entscheiden. Dies sind im Wesentlichen ethisch-moralische Bedenken, Tierschutzgründe, aber auch nachteilige Einflüsse der industrialisierten Tierhaltung auf das Klima.

Das Erstellen einer bedarfsgerechten, ausschließlich pflanzlichen Ration erfordert eine große Sachkenntnis, sogenannte „Home made diets“ sind also durchaus kritisch zu sehen. Dies gilt übrigens ebenso für Rationen, die tierische Komponenten enthalten. Die Fütterung von kommerziellen Alleinfuttermitteln erleichtert das Umsetzen der bedarfsgerechten Energie- und Nährstoffzufuhr. Allerdings gibt es in Deutschland bislang nur wenige Hersteller, die vegetarische/vegane Alleinfutter für Hunde und Katzen anbieten und in der Vergangenheit fielen einige Alleinfutter durch erhebliche Nährstoffimbalanzen auf.

Zudem kann die Akzeptanz von veganem Futter bei Katzen problematisch sein, da Katzen eine ausgeprägte Prägung für bestimmte Futtermittel und Rationstypen aufweisen. So kann das Umstellen von einer fleischreichen auf eine vegetarische Ration (oder auch umgekehrt) schwierig oder sogar unmöglich sein.

Vegane Ernährung bei Hund und Katz
Silvester stibitzt gerne Essen vom Tisch. Dass es sich dabei um pflanzliche Kost handelt, ist ihm schnuppe.

Welche Nahrungsmittel sollte man Hunden und Katzen nie füttern?
Janine Starzonek: Ungeeignete Nahrungsmittel sind z.B. Schokolade, Weintrauben (ebenso Rosinen), Knoblauch und Zwiebeln, da diese teilweise schon bei der Aufnahme von sehr geringen Dosen klinisch relevante Symptome hervorrufen können. Hier gilt es besonders zu bedenken, dass die Toxine des Knoblauchs und der Küchenzwiebel nicht durch das Erhitzen, Trocknen oder industrielle Verarbeiten zerstört werden. Darüber hinaus wurde schon von Vergiftungsfällen bei Hunden nach der Aufnahme von Macadamia-Nüssen und dem Süßstoff Xylitol berichtet. Die genauen Wirkmechanismen sind hier aber noch nicht vollständig geklärt.

Für wie wichtig erachten Sie bei veganer Ernährung regelmäßige Bluttests bei Hunden und Katzen?
Janine Starzonek: Wie oben schon erwähnt fielen in der Vergangenheit einige Alleinfutter durch erhebliche Nährstoffimbalanzen auf, so dass regelmäßige tierärztliche Gesundheitschecks sinnvoll sind. Über eine Blutanalyse lassen sich Unterversorgungen mit Nährstoffen, wie z.B. bei Kalzium, Eisen, Kupfer oder Zink jedoch schlecht oder nur begrenzt beurteilen. Die Überprüfung der Ration erscheint hier deutlich sinnvoller.

Fazit der Tierärztin Janine Starzonek:
“Eine ovo-lakto-vegetarische Fütterung ist beim ausgewachsenen Hund prinzipiell möglich – mit viel Sachkenntnis und einem ausgewogenen Speiseplan. Eine vegane Fütterung ist dagegen teils schwer umsetzbar und ist bei der Katze hinsichtlich Tierschutz und Ernährungsphysiologie sogar abzulehnen.”

Teile deine Erfahrungen mit mir!

Wie ist das bei dir? Ernährst du deinen Hund oder deine Katze pflanzlich? Klaut dein vierbeiniger Fleischfresser auch gerne etwas von deinem veganen Tellerchen? Lass mir gern einen Kommentar zu deiner Erfahrung mit “Vegane Ernährung bei Hund und Katz” da. Ich freue mich auf einen Austausch – und geh dann mal wieder mein Essen verteidigen, bevor es wieder ZACK macht und Silvester seine Pfote in mein Essen tunkt.

Comments (3)

  • Anna

    Hallo,
    ich liebe Katzen. Ich habe an die 10 Katzen besessen und zeitweise auch in Pflege gehabt.
    bye Anna

    • Vanessa Schäfer

      Hallo Anna,

      na bei der Rasselbande war mit Sicherheit auch die ein oder andere Samtpfote dabei, die eine Vorliebe für Gemüse hatte, oder?

      Grüße
      Vanessa

  • Anna

    Hallo, halo Vanessa, ehrlich, eine Katze sprang unbemerkt auf meinen Küchentisch und leckte meine itl. Salatsoße. Was duldet man nicht alles aus Liebe.
    Bis dann. Anna

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