Was ein Vegansinn: Eintauchen ins pflanzliche Schlaraffenland

VeganFach: Vegane Trends zergehen uns auf der Zunge

Werbung – „Wohin willst du denn als Erstes?“, fragt mein Freund. Doch die Hälfte des Satzes verstehe ich gar nicht mehr. Ich bin schon mittendrin: im Getümmel. Mitten im veganen Meer der Sinne. Seifen, Schokolade, Gesichtspflege, Glasflaschen – mein Herz macht Sprünge, meine Augen strahlen, meine Lippen formen sich zu einem Lächeln. Eine Anfahrt von 250 Kilometern liegt hinter uns. Doch jetzt, wo ich hier erneut auf der VeganFach stehe, weiß ich: Europas größte vegane Fachmesse ist die Reise wert. War ich im letzten Jahr erschlagen von der Menge an Menschen, die dasselbe Ziel verfolgen und eine ähnliche Weltanschauung haben, so beeindruckt mich diesmal viel mehr die Tatsache, dass der Markt wächst: Die heutige Vielfalt (vor allem im Non-Food-Bereich) setzt meiner VeganFach-Premiere von 2017 noch eins obendrauf.

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Ritter Sport hat eine Marktlücke entdeckt: Quadratisch, praktisch, gut funktioniert nämlich super vegan.

Mit meiner Messe-Akkreditierung habe ich mehr oder weniger Zugang ins Schlaraffenland der Veganer erhalten. Dass mein Freund mich begleitet, freut mich umso mehr. Er ist Mischköstler, hat mit Veganismus nicht viel am Hut. Und als ich von meiner anfänglichen Flucht ins Getümmel wieder zu ihm zurückgehen will, ist er verschwunden. „Mist, ist vielleicht doch ein bisschen zu viel für ihn“, denke ich mir noch, ehe ich ihn entdecke … und ertappe: Er nascht sich durch das Schokoladen-Angebot und findet das „Gar nicht so übel“. Erleichterung!

Was hat sich in der Szene getan?

Reihe für Reihe ziehen wie über die Messe. Wahnsinn! Überall locken Aussteller mit Produkten, die man vor 20 Jahren noch für Utopien gehalten hätte. Doch hier, in der Kölner Messehalle, wirken sie nicht befremdlich. Ihretwegen sind die unzähligen Besucher gekommen – inklusive mir. Ein festes Ziel verfolge ich diesmal nicht. Ja, ich will ein paar Produkte vor Ort nachkaufen, die es mir beim letzten Mal angetan haben. Aber ich will vor allem stöbern und entdecken, was sich seit letztem Jahr so alles in der Szene getan hat. Lange suchen muss ich danach nicht.

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Startup aus dem Norden: Vierglück produziert öko-soziale und vegane Produkte für Hund und Katz.

Der Stand von „Vierglück“ springt mir ins Auge. Ein Startup aus dem Norden, stellt sich im Gespräch mit Paul heraus. Er deutet neben sich auf Jasmin. Die aufgeschlossene Blondine hat das Unternehmen gegründet, das sich auf öko-soziale und vegane Produkte für Hund und Katz spezialisiert hat. Klasse Idee! Wir machen uns Sorgen um chinesische Weichmacher, wenn Kinder mal ihr Spielzeug in den Mund nehmen, sorgen uns um Farbstoffe in Spielwaren. Aber bei Hund und Katze wird es einfach so hingenommen, dass das Tier direkt mit seinem Maul mit der ganzen Chemie in Berührung kommt. Jasmin setzt dagegen auf Naturprodukte: Hanfkissen für den Vierbeiner, naturbelassene Halsbänder und Leinen, Sisal-Spielzeug für die Samtpfoten. „Sind die Spielkissen auch strapazierfähig?“, höre ich mich sagen und denke an die kleinen mit Katzenminze und Getreide gefüllten Kissen, die Silvester oft binnen weniger Tage zerlegt, so dass am Ende nicht mehr viel übrig ist. Die Idee von „Vierglück“ überzeugt mich. Schwups, schon landet eins der Kissen aus Bio-Baumwolle in meiner Einkaufstasche – und wird bei meiner Rückkehr am Abend freudig in Empfang genommen.

Die Schweizer – die Meister des (veganen) Käses

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Wer hat’s erfunden? Die Schweizer. Rebecca macht uns sämtliche vegane Käsesorten des Schweizer Produzenten New Roots schmackhaft.

Es gibt noch viel mehr Stände, die meine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Sehe ich gerade richtig? Ja! „Happy Cheeze“ hat Konkurrenz bekommen. Sein Mitbewerber „New Roots“ hat ebenfalls einen Stand auf der VeganFach. Und der überzeugt. Warum? Weil er aus einem Land kommt, das Käse machen kann wie kein anderes: aus der Schweiz. „Wir produzieren nach dem traditionellen Verfahren Schweizer Käsehersteller,“ verrät mir Rebecca und lässt uns von den Camembert-, Frischkäse- und Ricotta-Alternativen probieren. „Wir haben sogar schon Preise gewonnen“, freut sie sich – und ich muss dir jetzt sicherlich nicht verraten warum, oder? Kurzum: So lecker kann Käse auf rein pflanzlicher Basis schmecken.

Die Vielfalt kennt keine Grenzen: „Home Sweet Hummus“ aus Kanada trifft auf „Amo la Pasta“ aus Italien. Naturkosmetik aus Brasilien begegnet Korkwaren aus Spanien. Es ist faszinierend, wie viele Länder auf der Messe vertreten sind. Keine Sekunde kommt Langeweile auf. Satt werden die Besucher auch: An jedem Stand ist Probieren angesagt. Hier darf es veganes Eis sein, dort ein Eckchen Lasagne. Knabbergebäck auf Basis von Gemüse oder Hülsenfrüchten kann genascht werden. Leckere Saucen zum Dippen stehen bereit. Man kann sich die VeganFach im wahrsten Sinne des Wortes auf der Zunge zergehen lassen. Und das tun wir!

Farbenfrohe Küche auf der Eventbühne

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It’s Showtime: Stina Spiegelberg (r.) und Vegan-Queen Sophia Hoffmann kochen zusammen auf der Showbühne.

Den Füßen eine Pause gönnen können die Besucher vor der Eventbühne. Ein buntes Programm lädt zum Innehalten und Verschnaufen ein. Als wir ein Päuschen brauchen, sind gerade Stina Spiegelberg und Vegan-Queen Sophia Hoffmann dabei, gemeinsam regional und farbenfroh zu kochen. „Jedes Schnitzel, auf das wir verzichten, ist ein Schritt in die richtige Richtung“, macht Stina deutlich, dass es nicht ums Bekehren und Missionieren geht. Sondern darum, bewusst und maßvoll zu essen. Es macht Spaß, den beiden zuzusehen, wie sie mit Messern hantieren, Gemüse hacken und dabei munter plaudern.

Doch lange hält es uns nicht auf den Plätzen: Wir haben noch die halbe Messehalle vor uns und die Zeit rast davon. Zumal es so voll ist, dass man an manchen Ständen anstehen muss. Bei der Manufaktur „Das Bernsteinzimmer“ zum Beispiel, auch „Raum für Genuss“ genannt. Den Namen hätte Inhaberin Solveig nicht besser wählen können. Liebevoll stellt sie Pralinen, Schokoladen und süße Aufstriche her – nicht vergleichbar mit dem, was man sonst kennt, merke ich, als mir Oliver ein Stück der Schokolade „Gewürznougat mit Kürbiskrokant“ zum Probieren reicht. So schmeckt Weihnachten. Sanft und warm zergeht das Stück auf meiner Zunge, entfacht eine Aromenvielfalt, die ich nicht in Worten beschreiben kann. Ich kann dir nicht sagen, wie viel Schokolade ich in meinem Leben gegessen habe. Aber ich kann dir eins versichern: Die von „Das Bernsteinzimmer“ gehört zu den besten. Es klingt vielleicht kitschig, wenn ich dir sage, dass du die Liebe, mit der sie gemacht wurde, und die besondere Auswahl der Zutaten schmecken kannst. Doch genau so ist es.

Kork – was für ein Material!

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Taschenglück! Am Stand von Eco Original kann ich nicht widerstehen: Ein Kork-Rucksack hat es mir angetan.

Rund drei Stunden schlendern wir über die Messe. Ich bekomme fast schon ein schlechtes Gewissen meinem Freund gegenüber. In Geduld ist er unschlagbar! Er trägt meine Einkäufe, schnuppert mit mir an Körperseifen, die im Zuge meiner Low-Waste-Bewegung mein Duschgel ersetzen, kann sich für den Pumpspender der Gesichtscreme von „Eco Cosmetics“ erwärmen und streichelt zaghaft über die Korkprodukte von „Eco Original“. Zum zweiten Mal stehen wir an dem Stand des spanischen Kork-Produkte-Herstellers. Schon seit Langem bewundere ich Produkte aus Kork. Sie sehen schick und naturbelassen aus und sind zugleich nachhaltig. Doch so ganz traue ich der Sache nicht über den Weg. Ich erinnere mich an meine alte Kork-Pinnwand, bei der ich mit jeder Nadel, mit der ich reingestochen habe, aufpassen musste, dass sie nicht total zerbröselt. Bei dieser Kindheitserinnerung fängt Jost hinterm Stand an zu lachen. Das Material sei nicht vergleichbar, sagt er und schnappt sich ein Federmäppchen, das er einmal zusammenknüllt und dann wieder los lässt: Es nimmt seine Ursprungsform wieder ein – ohne Falten, ohne Knicke, ohne Risse. Das hätte meine Pinnwand nicht mitgemacht. Ich bin beeindruckt. Der Kork, der in mediterranen Korkeichenwäldern gewonnen wird, ist widerstandsfähiger und pflegeleichter als ich es mir je hätte träumen lassen. Ich denke an meine alte Lederhandtasche zu Hause, die ich jeden Tag für die Arbeit im Einsatz habe, deren besten Jahre aber schon lange überschritten sind: Heute ersetze ich sie mit einem Kork-Rucksack – zugunsten der Umwelt, zugunsten der Tiere und ein bisschen auch zugunsten von mir selbst 😉

Tore schließen – Welten geöffnet

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Silvester im Glück: Mein Kater freut sich tierisch über das Mitbringsel von Vierglück.

Inzwischen ist es draußen schon dunkel. Gleich schließt die VeganFach ihre Tore, hat aber zugleich rund 7000 Besuchern neue Welten eröffnet. Es ist spannend zu sehen, wie sich der Veganismus entwickelt. Mit den etwa 120 Ausstellern ist nur ein Bruchteil der Produzenten veganer Alternativen vertreten. Aber diese zeigen, dass es andere Wege gibt. Vegane Wege. Und zwar für jedermann: Für die, die sich ausgewogen ernähren, gleichermaßen wie für die Pudding-Veganer, die auf Fertiggerichte stehen. Für die mit dem schmalen Geldbeutel gleichermaßen wie für die, die beim Essen nicht sparen. Für die jüngere Generation gleichermaßen wie für die ältere. Und ja, sogar für die Mischköstler, denke ich mir, als ich einen Blick zu meinem Freund werfe, der zum Abschluss genüsslich einen Pot Chili sin Carne löffelt. An diesem Tag ist er der Außenseiter. Doch es merkt ihm niemand an. Denn die Vielfalt des Veganismus schmeckt sogar ihm – besonders in Form von Schokolade …

 

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