Kaufladen-Gefühle beim Einkaufen ohne Verpackung

Eddies – Verpackungsfrei einkaufen: Eduard Justus setzt auf Low Waste

Werbung – Mit einem leisen „Tsch-tsch-tsch-tsch“ purzeln die roten Linsen ins Glas und schon ist es gefüllt. Schnell den Schraubverschluss drauf und weiter geht’s. Hefeflocken, Kreuzkümmel und Studentenfutter stehen noch auf meinem Einkaufszettel. Ein bisschen suchen muss ich, bis ich weiß, wo ich was finde. Schließlich bin ich in keinem konventionellen Supermarkt. Mich hat es ins „Eddies – Verpackungsfrei einkaufen“ in die Mannheimer Innenstadt verschlagen, einem Unverpackt-Laden, den Eduard Justus im März eröffnet hat.

Eddies – Verpackungsfrei einkaufen
Inhaber Eduard Justus zeigt, wie es geht: Er füllt ein Glas Haferflocken ab.

Der 32-Jährige hat seine Mission, weniger Verpackungsmüll zu produzieren, zum Beruf gemacht. In seinem Geschäft gibt es Lebensmittel offen zu kaufen. Kosmetikartikel, wie etwa Zahnbürsten, sind in wiederverwert- und recycelbaren Verpackungen erhältlich. „Bis vor fünf, sechs Jahren war mir gar nicht bewusst, welche Mengen an Müll wir produzieren“, erinnert sich der Diplom-Wirtschaftsingenieur, dass sein persönlicher Aha-Effekt noch gar nicht so lange zurückliegt. Irgendwann trat er ein, „und es war bitter, festzustellen, dass wir in einem Zwei-Personen-Haushalt alle zwei Wochen eineinhalb bis zwei gelbe Säcke mit Verpackungsmüll produziert haben.“

Auch kleine Schritte führen zum Ziel

Inzwischen bringt der Mannheimer nur noch einmal im Vierteljahr den Müll nach draußen. Er und seine Frau haben intensiv ihr Konsumverhalten hinterfragt und angefangen, ihren Alltag anzupassen. Zero Waste leben sie zwar nicht, aber sie bewegen sich genau in diese Richtung. „Man muss kleine Schritte machen und mit den Dingen beginnen, die leicht umsetzbar sind“, rät er allen, die bestrebt sind, Müll zu vermeiden, und fährt fort: „Ein Paradebeispiel ist Eisessen: Wozu einen Becher nehmen, wenn ich das Eis auch in der Waffel haben kann?“

Eddie und seine Frau gönnten sich eine Auszeit, kündigten ihre sicheren Jobs und reisten eine Weile durch Südostasien, Australien und Südeuropa. Mit ihrer Rückkehr nahm der Wunsch, die Zero-Waste-Bewegung durch einen eigenen Unverpackt-Laden zu unterstützen, Gestalt an. Nach der passenden Immobilie mussten sie nicht lange suchen. Die Einrichtung hielten sie bewusst schlicht, in Weiß, naturnah – passend zu dem, wofür verpackungsfrei steht. Bei den Produkten setzen sie auf Bio-Qualität oder naturrein.

Mit voller Tasche in den Laden

Eddies – Verpackungsfrei einkaufen
Deine mitgebrachten Gefäße wiegst du zu Beginn des Einkaufs ab.

Und als ich an diesem Nachmittag mit meinem Freund den Laden betrete, kommen in mir Kaufladen-Gefühle auf. Ich erinnere mich, wie ich als Vierjährige einzelne Nüsse, Äpfel und Smarties über die Theke reiche, wild auf der Kasse rumdrücke, drei Salzstangen auf die Waage lege. Ein bisschen so ist es im Eddies auch. „Wisst ihr, wie es funktioniert?“, fragt uns eine von Eddies hilfsbereiten Aushilfen. Aber klar doch! Zu Hause habe ich mich schon auf den Besuch vorbereitet und leere, gespülte Einweggläser in meine Stofftasche gesteckt. Die schnappt sich mein Freund gleich mal und stellt jedes einzelne auf eine Waage, über die man automatisch stolpert. Das Gewicht notiert er mit einem wasserlöslichen Filzstift auf dem Glas.

Und dann geht das Stöbern los: Was gibt es alles? Das Angebot ist überwältigend: Nie hätte ich gedacht, dass sich so viele Dinge des täglichen Gebrauchs unverpackt kaufen lassen. Feste trockene Lebensmittel wie Reis, Nudeln oder Kaffee sind eine Sache. Du kannst aber genauso gut Essig und Öl in deine mitgebrachten Gefäße abfüllen, einzelne Rollen Klopapier kaufen, dir aus einem großen Kanister Spülmittel abpumpen oder aus einem großen Eimer Waschmittel abfüllen. 450 verschiedene Produkte hat „Eddies – Verpackungsfrei einkaufen“ im Sortiment. Es gibt fast nichts, was es nicht gibt.  Ein Schild vor dem jeweiligen Angebot zeigt dir, womit du es hier zu tun hast, ein Hinweis zum Herkunftsland sowie das Mindesthaltbarkeitsdatum stehen ebenfalls drauf. Neben Backwaren von einem regionalen Bio-Bäcker führt Eduard Justus seit Kurzem auch frischen Bio-Tofu von der Karlsruher Tofu-Manufaktur sowie frisches regionales Obst und Gemüse. Auch ausgewählte Getränke gibt es im Programm.

Ein Paradies für Veganer

Eddies – Verpackungsfrei einkaufen
Die Regale sind prall gefüllt mit Lebensmitteln aller Art.

Was ins Sortiment kommt, dort wieder verschwindet oder dauerhaft bleibt, entscheidet Eddie anhand von Erfahrungswerten: Unter den Inhabern der Unverpackt-Läden – deutschlandweit gibt es inzwischen knapp über 50 – herrscht ein enger Austausch. Auch zeigt sich Eddie immer offen, wenn Kundenwünsche an ihn herangetragen werden. „Aber aufgrund des Mindesthaltbarkeitsdatums muss man natürlich auch wirtschaftlich denken und kann nicht jeden Artikel im Sortiment aufnehmen, der zwei-, dreimal nachgefragt wird“, sagt er beim Blick auf einen großen Sack mit Lorbeerblättern im Lager. Ein Ladenhüter, wie auch gerösteter Buchweizen, der langfristig im Regal verschwinden wird.

Für Veganer ist das Geschäft mit der großen Schaufensterfront ein Paradies: Du bekommst vieles, was du oft im Biomarkt suchen oder sogar online beziehen musst, in deiner gewünschten Menge. Dass ein Gros der Waren in Bio-Qualität ist, finden wir besonders toll. Dabei geht es dem Zero-Waste-Unternehmer gar nicht darum, eine bestimmte Zielgruppe anzusprechen – wobei er inzwischen schon seine Beobachtungen gemacht hat: Die Kundschaft ist überwiegend weiblich, Studenten und junge Familien zieht es besonders gern in den etwas anderen Einkaufsladen am Rande der Innenstadt.

Einfache Handhabung der Selbstbedienung

Eddies – Verpackungsfrei einkaufen
Schnell ist das Glas gefüllt: Hier stocke ich meinen Vorrat an roten Linsen auf.

Mein Herz hüpft besonders hoch, als ich das farbefrohe Regal mit den Gewürzen entdecke. Sie sind einladend in eine Art Bonbon-Glas gefüllt und mit einem Schraubdeckel verschlossen. Öffnest du diese, strömen dir die vollmundigen Aromen aus aller Herren Länder entgegen. Gigantisch! Wie gut, dass ich Kreuzkümmel auf meiner Einkaufsliste stehen habe, denke ich mir, und haben schon den Löffel in der Hand, um mir davon etwas abzufüllen. Die Selbstbedienung klappt ausgesprochen gut. Man mag am Anfang vielleicht eine Hemmschwelle haben, weil man es nicht gewohnt ist, so einzukaufen, aber das legt sich schnell. Schon beim zweiten Betätigen der Bulk Bins, die in den Regalen montierten Spender, geht das Abfüllen leicht von der Hand: dein Gefäß drunter stellen, einen Trichter obendrauf setzen, damit nichts daneben geht, und dann den Hebel nach unten drücken (ähnlich wie beim Getränkeausschank). Kinderleicht.

Wenn du auf die Schnelle vergisst, dir Behälter für den Einkauf einzupacken, oder spontan an dem Laden vorbeikommst, ist das kein Handicap. Du hast die Möglichkeit, dir dort richtig tolle, dekorative Schraubgläser und Beutel zu kaufen. Du kannst dich aber auch einfach an den Einwegglas-Spenden bedienen, die im Eddies willkommen sind. Wichtig ist, dass diese sauber sind. Denn Hygiene spielt – durch die fehlende Verpackung – im Unverpackt-Laden eine wesentliche Rolle: Lebensmittel, die in Hautkontakt kommen, müssen gekauft werden.

„Es ist wichtig, dass sich die Leute trauen“

Eddies – Verpackungsfrei einkaufen
Einfache Handhabung: Der Trichter verhindert beim Abfüllen aus den Bulk Bins, dass etwas daneben fällt.

Neben uns sind noch eine handvoll andere Leute im Laden. Manche sind bereits routiniert, für manche ist es ebenso das erste Mal. „Es ist wichtig, dass sich die Leute trauen“, sagt Eddie zu uns. Das Thema Low und Zero Waste haben zwar eine starke Präsenz in den Medien, besonders veranschaulicht durch die Meeresverschmutzung. Im Alltag werden die Alternativen dennoch oft vergessen – da spreche ich aus Erfahrung. Schon seit zwei Jahren steht das Thema „Müllreduzierung“ auf meiner Liste der Jahresvorsätze und doch trage ich immer noch viel zu häufig den Müll raus. „Am besten klebt man sich einen Zettel an den Kühl- oder Vorratsschrank, so dass man, wenn zum Beispiel der Reis ausgeht, dran erinnert wird: Ach, es gibt ja noch Unverpackt-Läden“, empfiehlt Eddie.

Er selbst geht nur noch selten in konventionelle Supermärkte. Vermeiden lässt es sich nicht ganz. „Wir haben unsere Milchalternativen zwar schon selbst zubereitet, aber oft ist man dennoch zu faul und kauft die Tetra-Packs im normalen Handel“, weiß er, dass es immer Optimierungsmöglichkeiten gibt. Doch es muss auch gar nicht alles volle Kanne von heute auf morgen sein. „Man sollte auch bei Zero Waste kleine Schritte machen, solche, die einem angenehm sind. Das ist oft nachhaltiger“, rät der 32-Jährige, sich von den kleinen Erfolgen motivieren zu lassen, den Weg langfristig weiterzugehen.

Günstiger als erwartet

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Neben Lebensmitteln finden sich auch Kosmetikartikel und Putzmittel im Eddies-Sortiment.

Die Zeit beim Einkauf vergeht wie im Flug. In der Kosmetikabteilung stöbern wir lediglich im bunten Angebot aus Haarseifen, Duschgel, Menstruationstassen und Abschminkpads aus Stoff. Bei den Süßwaren greifen wir noch einmal zum Abschluss zu Glas und Zange und füllen uns ein paar vegane Gummibärchen ab. Mit all unseren Gläsern gehen wir zur Kasse, wo jeder einzelne gefüllte Behälter gewogen und das auf ihm notierte Gewicht wieder abgezogen wird. Die Aushilfe wählt munter das jeweilige Produkt im Kassensystem – fast so wie ich damals in meinem Kinderkaufladen – und am Ende zeigt die Kasse die Endsumme an, die mich positiv überrascht: viel geringer, als ich beim Überschlagen gedacht hätte. Vegan, ökologisch und nachhaltig sind nämlich gar nicht schwer – man muss nur wissen, wie. „Eddies – Verpackungsfrei einkaufen“ zählt zu den Stationen auf dem Weg, der in die richtige Richtung führt.

 

Anmerkung: „Eddies – Verpackungsfrei einkaufen“ basiert auf einem Konzept, hinter dem ich stehe. Es besteht keine Kooperation zwischen dem Unternehmen und mir. Der Beitrag gibt lediglich meine Meinung wieder.

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