Im Vegetarier-Paradies gestrandet

„Ich glaube, dass geistiger Fortschritt an einem gewissen Punkt von uns verlangt, dass wir aufhören, unsere Mitlebewesen zur Befriedigung unserer körperlichen Verlangen zu töten.“ (Mahatma Gandhi)

Lupinen-Gyros, Weizenbuletten, Gemüse-Sushi: Gaumenkitzler können lecker sein, ohne dafür Blut vergießen zu müssen. Das zeigte in Stuttgart drei Tage lang die Leitmesse für Genuss und Gesundheit „Veggie & frei von“. Hier traf sich die Vegetarier- und Veganer-Szene, aber auch diejenigen, die unter Lebensmittelunverträglichkeiten leiden, etwa gluten- oder laktoseintolerant sind.

An rund 180 Ausstellungsständen und Food-Trucks tauchten die Besucher in eine Welt ein, in der sie sich nicht rechtfertigen mussten: Inmitten von veganen Weinen, veganer Kleidung und Naturkosmetik, glutenfreien Nudeln und Backwaren, Pflanzenproteinen, Gewürzen und vielem mehr war man unter sich. Es gab niemanden, der meinte: „Du isst wirklich kein Fleisch?!“. Keiner, der die Nase rümpfte, weil man Tierversuche ablehnt. Niemand, der komisch reagierte, wenn jemand fragte: „Haben Sie für den Kaffee auch laktosefreie Milch?“ Auf der „Veggie & frei von“ gab es keine Außenseiter.

Willkommen bei der "Veggie und frei von".
Willkommen bei der „Veggie & frei von“.

Natürlich setzte jeder Messebesucher seinen eigenen Schwerpunkt: Tummelten sich die Allergiker in der „frei von“-Ecke, so zog es meine Begleitung und mich eher in die Vegetarier- und Veganer-Ecke. Anfänglich war ich davon tatsächlich ein bisschen geflashed. Muss man im regulären Handel oft ewig in den Regalen Ausschau halten, Verpackungen drehen und wenden und das Kleingedruckte genau lesen, um ja nicht versehentlich ein Produkt zu kaufen, in das sich etwas Tierisches gemogelt hat, so gab es hier eine bunte Palette an Möglichkeiten unter einem Dach.

Unsere Aufmerksamkeit zog gleich zu Beginn ein charmanter Italiener auf sich, besser gesagt das, was er mit dem Werkzeug in seinen Händen anstellte: Mit einem unscheinbaren Messer zauberte der Vertreter von „Creazioni in Cucina“ mal superdünne Zucchinischeiben, die sich optimal für gefüllte Gemüseröllchen eignen, mal hauchdünne Kartoffelchips, die sich so im Backofen ganz leicht zubereiten lassen. Mal hobelte er in feinen Streifen einen Kohlkopf, ein andermal kleine Karottenstifte. Kurzum: Das Wundermesser musste natürlich mit nach Hause.

Dieser Charmante Aussteller zaubert mit einem speziellen Messer im Handumdrehen Gemüsestreifen und -stifte und -scheiben.
Dieser charmante Aussteller zaubert mit einem speziellen Messer im Handumdrehen Gemüsestreifen, -stifte und -scheiben.

Als nicht minder interessant entpuppte sich ein Gespräch mit einer Vertreterin des Reiseanbieters „Vegan Travel“. Das Unternehmen organisiert vegane Flusskreuzfahren und schließt damit eine Lücke. „Es gibt jedoch nicht nur vegane Speisen und Getränke“, veranschaulichte meine Gesprächspartnerin, „auch die Pflegeprodukte in der Kabine sind vegan“. Ein Angebot mit attraktiven Reisezielen, das sich preislich kaum von anderen nicht-veganen Flusskreuzfahrten unterscheidet.

Anbieter von Kokoswasser reihten sich an Gewürzverkäufer und an Protein-Aussteller: Die Stände zeigten sich von Menschentrauben umringt. Bei „Teinacher“ eine zuckerfreie Limonade, bei „Good Smoothie“ eine Vitaminbombe, überall gab es verlockende Angebote – so auch das von „Professor Grunschnabel“. Dort landeten wir nach dem Mittagessen – die Auswahl fiel verdammt schwer, weil es eben eine Auswahl gab. Das ist für Vegetarier und Veganer nicht selbstverständlich. Vor die Qual der Wahl stellte mich auch der junge Holländer am Grunschnabel-Stand. Das niederländische Unternehmen produziert natürliches, veganes Eis. Allerdings nicht in den Sorten Schoko oder Vanille, sondern in abgefahren Sorten wie „Fresas del Habanero“ (Erdbeer-Chili) und „Brasil Basil Lime“ (diverse Zitrusfrüchte mit Basilikum). Weil ich mich nicht entscheiden konnte, empfahl mir der Aussteller „Indian Winter“. Und ja, genauso schmeckte das Eis. Kardamon, Nelken, Muskat, Koriander und frischer Ingwer bildeten einen ziemlich feurigen Mix, den ich mir eiskalt auf der Zunge zergehen ließ. Dass das Eis vegan war, habe ich nicht bemerkt: Die Konsistenz war genauso cremig wie bei gewöhnlichem Milcheis.

Für alle Knobi-Fans ein Muss: ein Abstecher zur "Mobilen Räucherei". Detlef Werner hat geräucherten Knoblauch dabei.
Für alle Knobi-Fans ein Muss: ein Abstecher zur „Mobilen Räucherei“. Detlef Werner hat geräucherten Knoblauch dabei.

Genauso geschmacksintensiv war auch die Einkehr bei Detlef Werner. Die Menschheit teilt sich ja in die, die Knoblauch hassen, und in die, die Knobi lieben. Wie ihr anhand meiner Rezepte sehen könnt, gehöre ich zu Letzteren. Jetzt hatte Detlef jedoch keinen normalen Knoblauch aus Hennigsdorf mitgebracht, sondern veredelten, genauer gesagt geräucherten. Dieser ist nochmal eine Nummer pikanter als gewöhnlicher Knoblauch. Hält er sich auch so lange? „Bei mir nicht, ich habe ihn in ein paar Tagen gegessen“, meinte Detlef Werner schmunzelnd und servierte mir Knoblauchbrot, von dem ich kaum genug bekommen konnte.

Lobbyisten und Umwelt-Aktivisten waren bei der „Veggie & frei von“ ebenfalls vertreten. Sie informierten die Besucher über ihre Arbeit und die Ziele, die sie verfolgen. Vom Schlendern durch die verschiedenen Standreihen wurden wir nicht müde. Immer wieder gab es etwas anderes zu entdecken. So stießen wir irgendwann auch auf den Stand von „Turka Cig Köfte“, der uns Bekanntschaft mit der traditionsreichen Weizenbulette der orientalischen Küche machen ließ. Ein wahres Geschmackserlebnis, bei dem Chili-Fans voll auf ihre Kosten kommen. Beim Drehen einer weiteren Runde wurde ich dann auch auf den „WYOB“-Stand aufmerksam: Unter dem Motto „Wear your own Bommel – save lives!“ fertigt Denise Hof wunderschöne Mützen in verschiedenen Formen an. In ihre Baskenmützen habe ich mich sofort verliebt. Elegant, frech, frivol – sie lassen sich auf verschiedene Weise tragen. Mein Exemplar in Anthrazit habe ich inzwischen bei ihr geordert.

In Love: Denise Hof von "WYOB" fertigt ind Handarbeit tolle vegane Mützen und mehr an. Die Baskenmütze hat mein Herz erobert.
In Love: Denise Hof von „WYOB“ fertigt in Handarbeit tolle vegane Mützen und mehr an. Die Baskenmütze hat mein Herz erobert.

Abgerundet wurde das Messeangebot mit einem abwechslungsreichen Vortragsprogramm auf der Bühne und spannenden Kochshows, etwa mit Vegan-Koch Björn Moschinski. Was ich als besonders angenehm empfand, war die Atmosphäre und das Publikum auf der „Veggie & frei von“. Nein, es tummelten sich nicht nur junge Hipster in den Gängen, sondern auch Senioren, Familien – schlichtweg Gesundheitsbewusste. Menschen, die durch ihre Art, sich zu ernähren, sich zu pflegen und sich zu kleiden nicht nur sich selbst etwas Gutes tun, sondern auch ihrer Umwelt. Mahatma Gandhi hätte sicher seine Freude in der Stuttgarter Messehalle gehabt.

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