So entpuppte sich Mamas Schnapsidee zur Fastenzeit

So entpuppte sich Mamas Schnapsidee zur Fastenzeit (2)

Oder: Wie ich die Beteiligung des 40-tägigen Selbstversuchs erlebte …

Manchmal gerät man in Situationen, die man selbst nicht mehr steuern kann. So ging es mir, als meine Mutter mich kurzerhand dazu auserwählte, Teil ihres Selbstversuchs in der Fastenzeit zu werden. 40 Tage wollte sie auf Fleisch verzichten. Und da mir das ja schon eine ganze Weile gut gelingt, dachte sie sich, dass es doch super wäre, an diesen 40 Tagen einfach bei mir am Esstisch Platz zu nehmen. Widerspruch ist zwecklos – das gilt wohl bei jeder Mama. Aber du fragst dich jetzt sicher, wie dieses Experiment für uns ausgegangen ist, oder? Das Wichtigste zuerst: Ja, wir reden noch miteinander. Ja, wir verstehen uns nach wie vor sehr gut. Aber ja, es wäre auch eine Lüge zu behaupten, dass es immer ganz einfach war.

Falafel mit Taboulé
Vom Taboulé war Mama ganz angetan. Die Falafel hat sie zwar gegessen. Es war ihr jedoch anzumerken, dass ihr was Saftigeres lieber gewesen wäre.

Zuerst will ich mich aber bei Mama bedanken, die tapfer die Fastenzeit durchgehalten und alles ohne mit der Wimper zu zucken gegessen hat, was ich ihr aufgetischt habe. Ich glaube, so einfach habe ich es ihr als Kind dann doch nicht gemacht 😉 Alles in allem war Mamas Schnapsidee auch für mich eine tolle Erfahrung. Zum einen, weil es mich motiviert hat, mir in der Küche noch mehr Mühe zu geben als sonst. Zum anderen, weil ich den Eindruck habe, dass ein bisschen etwas von meiner bewussten Ernährung bei Mama hängen geblieben ist. Schließlich schrieb sie mir zu Ostern, also nach dem großen Finale ihres Selbstversuchs, eine tolle Dankeskarte. „Ich habe durch dich einen kleinen Einblick in die gesunde Kochkunst bekommen und werde einiges in meinen Speiseplan übernehmen.“ Zwar wird Mama ihre Ernährungsweise nicht ganz umstellen, aber „meinen Fleisch- und Wurstkonsum reduzieren und bewusster einkaufen“. Und letztendlich ist es genau das, worum es geht: das Bewusstsein.

Gewichtsverlust von fast 6 Kilogramm

Meine beiden Ziele für ihren sechswöchigen Selbstversuch habe ich übrigens erreicht: Der Speiseplan hat sich nicht wiederholt und ich habe mit Zutaten gekocht, die in der Küche meiner Mutter bisher keine Rolle spielten, wie etwa Quinoa, Polenta, Buchweizen oder rote Linsen. Und Mama, ja, Mama hat ihr Ziel, kein Fleisch zu essen auch erreicht. Allerdings hat sie sich ab und an – nicht wenn sie bei mir zu Besuch war – auch mal Fisch gegönnt. Ihre Arthrose hat durch die Umstellung ihres Essverhaltens zwar weder eine Besserung noch eine Schlechterung erfahren, aber überraschenderweise sind die Pfunde gepurzelt: 5,8 Kilogramm innerhalb von 45 Tagen.

Ob das allein meiner Küche zuzuschreiben ist, halte ich für eher unwahrscheinlich. Denn vegetarisch bedeutet nicht automatisch auch gesund und fettreduziert. Ich schreibe den Gewichtsverlust eher der Tatsache zu, dass Mama zeitgleich Fleisch, Alkohol und Süßigkeiten gefastet hat. Eine Kombi, die mir am Anfang ein bisschen Angst gemacht hat. Denn dreifacher Entzug ist gar nicht so ohne. Zumal der Entzug allein von Zucker schon eine ziemlich große Hürde und oft mit schlechter Laune verbunden ist, bis sich der Körper darauf eingestellt hat. Und da sind wir auch schon bei den Dingen, die unsere gemeinsamen Tage mal leichter, mal schwieriger gemacht haben.

Stimmungsschwankungen gingen schnell vorüber

Tomatensalat mit Oliven und Physalis
Von dem hat Mama gleich mehrere Teller verputzt: Der Tomatensalat mit Oliven und Physalis hat es ihr angetan.

Es muss etwa in Woche zwei gewesen sein, als ich die Befürchtung hatte, meine Mama würde aufgeben. Ihre Laune war vollkommen im Eimer. Wir waren auf einem Geburtstag und pünktlich zum Essen brach sie mit den launischen Worten auf „Ich geh dann mal in den Sport, ich kann ja eh nix essen“. Was natürlich Quatsch war, weil ich ja auch fündig geworden bin. Aber es ging wohl weniger um das Essen als um die Situation an sich. Trockene Alkoholiker meiden Feiern, bei denen Alkohol fließt. Und da ist es nur verständlich, dass sich jemand, der zeitgleich Fleisch, Süßes und Alkohol fastet auf einer Geburtstagsfeier, wo der Sekt fließt, der Kuchen aufgetischt wird und jede Menge verlockende Häppchen bereitstehen, unwohl fühlt, wenn er sich zum Ziel gesetzt hat, nicht zuzugreifen.

Letztendlich ging die Phase der Stimmungsschwankungen jedoch recht schnell vorüber. Wir haben zwar nicht ständig zusammen kochen können, wie wir es uns anfangs vorgenommen hatten, aber wir haben doch ständig miteinander gegessen. Drei- bis viermal die Woche habe ich für Mama gekocht, an den Tagen dazwischen gab es für uns beide meistens Reste vom Vortag. Diese „Pausen“ voneinander taten ganz gut. Denn wenn man alleine lebt, seinen Alltag frei gestaltet und abends die Wahl hat, ob man noch Lust auf soziale Kontakte hat oder nicht und auf einmal fast jeden Abend die Mutter aufkreuzt und man den Ablauf ein stückweit nach ihr richten muss, ist das schon eine kleine Belastungsprobe. Erst Recht, wenn dann so Sätze fallen wie “ Im Garten müsstest du auch mal wieder was machen“. Ja, dazu hätte ich sicher Zeit gefunden, wenn ich nicht dauernd jemanden bekocht hätte 😉

Einschränkungen in der eigenen Tagesplanung

Chili con Kürbis
Essen auf Rädern: Als Mama krank war, wurde sie bei sich zu Hause mit Chili con Kürbis versorgt.

Alles in allem haben wir die sechs Wochen gut überlebt. Klar, es sind Dinge auf der Strecke geblieben. Weil ich auf einmal nach Zeitplan kochen musste, fiel mein Workout öfter mal aus. Zweisamkeit mit meinem Freund wurde häufig zur Dreisamkeit. Und ein bisschen hat auch meine Ernährungsweise gelitten. Dadurch, dass ich Mamas Ernährung nicht gleich von 0 auf 100 umstellen wollte, habe ich bei Weitem häufiger vegetarisch als vegan gekocht, sprich: Es kam öfter mal Käse zum Einsatz. Und davon will ich jetzt allmählich wieder loskommen und zu einem gesunden Gleichgewicht zwischen vegetarisch und vegan finden, kurzum, weil es mir damit besser geht.

Die Türen konnte ich meiner Mama öffnen. Ich hoffe, dass sie durch ihre gewonnenen Erfahrungen dauerhaft immer mal wieder einen Schritt durch die Tür setzt und sie nicht so schnell wieder schließt. Bisher schlägt sie sich super. Wenn sie mich abends anruft, weil sie irgendwelche Fragen zu irgendeinem Gericht hat, hellt das meine Laune schlagartig auf. Ich bin furchtbar stolz auf sie. Darauf, dass sie a) so tapfer war, das Ganze konsequent durchzuziehen, dass sie b) nie genörgelt hat, auch wenn manche Gerichte sicher nicht nach ihrem Geschmack waren, und dass sie c) ihren Selbstversuch nicht bereut, sondern als Bereicherung empfindet. Das war er für mich auch. Und obwohl ich mehr oder weniger unfreiwillig in die ganze Angelegenheit reingerutscht bin, bin ich froh, sie auf dem Weg durch die Fastenzeit begleitet zu haben. Die nächste Challenge kann beginnen 😉

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