Buchrezension: „Fit Vegan“ – Karl Ess

„Ich glaubte, ohne Milch würde mir das Kalzium in den Knochen fehlen. Sowieso sind Vegetarier doch irgendwie komisch, oder? Von Veganern habe ich nur am Rande etwas mitbekommen. Ich dachte an Menschen mit Hippie-Frisuren und Sandalen, die in alten VW-Bussen umherfahren.“

Von einer Hippie-Frisur ist Karl Ess weit entfernt. Er trägt Glatze. Ein Blick auf seine Füße verrät: keine ausgelatschten Jesus-Latschen. Stattdessen schnürt sich der junge Mann aus dem Allgäu die Sportschuhe. Der 26-Jährige ist Bodybuilder, ein Muskelprotz, der sich in den sozialen Medien großer Beliebtheit erfreut. Doch nicht etwa, weil der Umfang seiner Oberarme gigantische Ausmaße annimmt. Viel mehr symbolisiert Karl Ess das, was viele für unmöglich halten: Kraftsport, ein wohl definierter Körper und ein hohes Maß an sportlicher Leistungsfähigkeit funktionieren wunderbar, ohne dass man sich rohe Eier und Steaks in rauen Mengen  einverleiben muss. Karl Ess lebt seit fünf Jahren vegan – ohne an Muskeln eingebüßt zu haben.

Wie das funktioniert, beschreibt der gebürtige Amerikaner in seinem ersten Buch „Fit Vegan“, das Anfang Oktober im Verlag Edel Books erschienen ist. Der Untertitel „Unsere Zukunft isst vegan“ klingt wie ein Versprechen. Denn was vegan möglich ist, zeigt bereits das Cover: ein Foto des Autors – oberkörperfrei. Jeder Muskel zeichnet sich unter der Haut des jungen Mannes ab, der sich offenbar von dem ernährt, was das Titelbild ebenfalls zeigt: Obst und Gemüse in Massen.

Buchrezension: "Fit Vegan" von Karl Ess

Dass der Weg dorthin kein leichter war, wird auf den folgenden Seiten deutlich. Zehn Anläufe innerhalb von sechs Monaten hat Karl Ess gebraucht, um Veganer zu werden. Er weiß, wie schwer es ist, von seinen Gewohnheiten abzulassen und neue Pfade einzuschlagen. Das geht aus seinem Erstlingswerk „Fit Vegan“ deutlich hervor. Karl Ess verurteilt nicht, er fordert niemanden dazu auf, von heute auf morgen seine komplette Ernährungsweise umzukrempeln. Er gibt Denkanstöße, motiviert, fällt aber nie mit der Tür ins Haus.

„Auch wenn du nicht zu 100 Prozent Veganer wirst. Wir sollten uns auf das konzentrieren, was uns verbindet, und nicht auf das, was uns voneinander trennt.“

Auf 208 Seiten erzählt Karl Ess die Geschichte des veganen Bodybuilders, beschreibt, was vegan zu leben eigentlich bedeutet. Seine Gründe für eine vegane Ernährungsweise führt der Kraftsportler ebenfalls auf. Doch Emotionalität lässt er dabei außen vor. Stattdessen beruft sich der Autor auf wissenschaftliche Fakten, die er mit Fotos und kleinen Abbildungen stützt. So spielen in „Fit Vegan“ Erkrankungen, die durch den Verzehr von tierischen Produkten gefördert werden, eine immense Rolle bei der Argumentation für vegane Ernährung – angefangen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Demenz bis hin zu Krebs. Anschaulich geht Karl Ess auf die Funktionsweise des Körpers ein, erläutert Zusammenhänge und informiert auf unterhaltsame Weise. Das Thema Tierleid durch Massentierhaltung sowie die Beeinträchtigungen der Umwelt durch Fleischkonsum kehrt der Autor ebenfalls nicht unter den Tisch.

Was an dem Buch besonders beeindruckt, ist das Spiel mit den Klischees. So ist ein ganzes Kapitel der Frage gewidmet „Sind wir von Natur aus Veganer?“ Amüsant, schließlich führen Omnis (Allesfresser) als Grund für ihren Fleischkonsum zu gern das Argument „Wir sind schließlich von Natur aus Jäger“ an. Die Gegenüberstellung von Körpermerkmalen wie Fingernägel/Klauen, Kiefer und Darm zwischen Fleisch-, Alles- und Pflanzenfressern gibt jedoch schon schnell einen Anhaltspunkt, in welche Sparte sich der Mensch einordnen lässt. Im Folgenden räumt Karl Ess dann im Handumdrehen mit 13 (!) Vorurteilen und Mythen rund um die vegane Ernährung auf. Der Leser erfährt, weshalb sich nicht alle Kohlenhydrate in die Schublade Dickmacher stecken lassen, welche Kalziumquellen pflanzlichen Ursprungs es gibt und weshalb vegane Ernährung weder kostspielig noch einseitig sein muss.

„Wenn du dich einmal dazu aufgerafft hast und beginnst, deinen Ernährungsplan stufenweise umzustellen, wirst du schnell Erfolge spüren und aus diesen Erfolgen dann automatisch die Motivation ziehen, um weiterzumachen und letztlich vollständig vegan zu werden.“

Doch wie anfangen? Hier liefert Karl Ess in „Fit Vegan“ wertvolle Tipps: eine Produktgruppe nach der nächsten umstellen. Nicht Milchprodukte, Eier, Fleisch und Fisch auf einmal, sondern nach und nach. Parallel dazu gibt der Autor Hinweise zum passenden Sportprogramm. Ziel ist schließlich nicht nur, vegan zu werden, sondern zugleich auch fit. Doch genau dort hat das Erstlingswerk von Karl Ess seinen Schwachpunkt: Es ist in erster Linie für Leser gedacht, die sich noch fleischlastig ernähren und keinen Sporttrainingsplan haben. Der Nutzen, den dagegen ein Vegetarier, der regelmäßig Ausdauer- und Kraftsport treibt, aus dem Buch ziehen kann, ist dagegen weitaus geringer. Die Motivation zu „Vegan in drei Wochen“ wurde demnach beim Lesen des Kapitels gleich gebremst. Sicher kann ein Vegetarier hier den einen oder anderen Ernährungstipp ebenso mitnehmen und auch die eine oder andere Übung in sein Sportprogramm integrieren, der Ansatz der Challenge ist jedoch eindeutig auf Fleischesser ausgelegt.

Großen Informationswert haben dagegen – unabhängig welcher Ernährungsweise – die Tabellen in dem Buch. Sie geben Einblicke, welche Mengen an Vitaminen, Aminosäuren, Mineralien und Co. in welchen Lebensmitteln enthalten sind – und ja, die pflanzlichen können dabei durchaus mit den tierischen mithalten. Was ebenfalls mein Interesse besonders geweckt hat, ist das Kapitel „Und das ist alles nicht vegan“. Hier führt Karl Ess die ganzen E-Stoffe auf, die größtenteils tierischen Ursprung haben, und die man beim Lesen von Verpackungen als Laie häufig nicht einordnen kann. Auch eine Übersicht über Kleidung und Kosmetik mit tierischem Ursprung gibt Karl Ess auf diesen Seiten.

„Niemand wird es schaffen, ganz konsequent vegan zu leben. Aber wir packen es an. Wenn du weißt, wo du auf welche Produkte und Inhaltsstoffe achten musst, kannst du dich dem Ziel immer weiter annähern.“

Ganz vegan geht nicht. Das macht Karl Ess deutlich. Denn auch wer sich vegan ernährt, wird irgendwann einmal beim Laufen eine Ameise zertreten oder eine Mücke einatmen. Dem Autor geht es jedoch auch nicht um eine Maxime, sondern darum, dem Leser eine Richtung vorzugeben. Inwieweit dieser den gleichen Weg einschlagen will oder zwischendrin einen anderen Pfad wählt, bleibt ihm selbst überlassen. Das machen Karl Ess und sein Erstlingswerk gleich sehr sympathisch. Wer also Appetit darauf hat, etwas vollkommen Neues in Sachen Ernährung zu wagen, für den ist „Fit Vegan“ ein guter Guide, der sogar noch Appetit auf mehr macht: Am Ende des Buches sind verschiedene vegane Rezepte zu finden, die von mir noch auf den Prüfstand gestellt werden (z. B. das Rezept für Protein-Energieriegel). Aber eins ist Karl Ess mit seinem Buch auf jeden Fall schon einmal gelungen: mit dem Veganer-Klischee aufzuräumen und sachlich fundierte Antworten zu finden, auf eine Frage, die wohl jeden Veganer nerven: Woher nimmst du eigentlich dein Protein?

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  • Karl Ess, Fit Vegan, Unsere Zukunft isst vegan
  • 1. Auflage, 2016
  • Verlag: Edel Books
  • Taschenbuch: 208 Seiten
  • ISBN: 978-3-8419-0492-8
  • Preis: 17,95 Euro (D)
Autorentipps von Karl Ess: Sechs Lebensmittel, deren vegane Variante besser schmeckt als das Original
  1. Milch: Vor allem Haselnussmilch, Hafermilch und Kokos-Reis-Milch sind extrem lecker.
  2. Döner: Jeder kennt es, wenn man im Dönerladen auf eklige Knorpel und Fettbrocken beißt. Das kann beim Seitandönerfleisch nicht passieren.
  3. Burger: Hier gilt dasselbe: Ein Bohnen- oder Quinoa-Burger sind die gesündere und schmackhaftere Variante.
  4. Gummibärchen: Agar macht Gummibärchen viel weicher und man bekommt bei veganen Gummibärchen keinen komischen Nachgeschmack.
  5. Eiscreme: Sobald man Mango-, Himbeer-, Zitronen- und andere Fruchtsorbets gegessen hat, wirken die mit Sahne hergestellten Eiscremesorten oft zu schmierig und fettig.
  6. Joghurt: Wer schon mal einen Früchte- oder Schoko-Joghurt auf Reis-, Kokos- oder Sojabasis probiert hat, weiß die leichte Konsistenz zu schätzen.

Comments (2)

  • Ayna

    Ich ernähre mich auch gerne Vegan seit ca. 1 Jahr und fühle mich dadurch einfach Gesünder.

    • Vanessa Schäfer

      Das glaube ich dir. Es ist eben tatsächlich was dran an „Du bist, was du isst“ 🙂

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